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im Hof aufftellen; bis die Hunnen wieder heimgejagt ſind,
ſoll unſer Kellermeiſter keine Klage über Verſchwinden
ſeiner Fäſſer führen.“
Sie deutete auf das ſtürmiſche Treiben im Burghof:
„Das Leben bringt doch mannigfachere Bilder als alle
Poeten“, ſprach ſie zu Ekkehard; — „auf ſolchen Wandel
der Dinge wart IZhr nicht vorbereitet?“
Aber Ekkehard ließ ſeinem teuern Virgilius nicht zu
nahe treten.
„Erlaubet“, ſprach er, auf ſeinen Speer gelehnt, „es
ſteht alles wortgetreu in der Aneiĩs vorgezeichnet, als wenn
es nichts Neues unter der Sonne geben ſollt! Würdet
Ihr nicht glauben, Virgilius ſei hier auf dem Söller ge—
ſtanden und habe hinabgeſchaut ins Getümmel, wie er
vom Beginn des Krieges in Latium ſang:
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„Dort wird gehöhlt dem Haupte der Schirm — dort flechten ſie
wölbend
Weidener Schilde Verband — dort ziehn ſie den ehernen Harniſch,
Dort hellblinkende Schienen aus zähem Silber gehämmert.
Sichel und Schar wird jetzo entehrt, und die Liebe des Pfluges
Weicht — um ſchmiedet die Eſſe verroſtete Klingen der VBäter.
Hornruf ſchmettert durchs Land und es geht die krieg'riſche Lo—
ſung ¹.“
„Das paßt freilich gut“, ſprach Frau Hadwig. „Könnt
Ihr auch den Gang des Streites aus Eurem Heldenbuche
vorherſagen?“ wollte ſie noch fragen, aber in Zeiten des
Durcheinander iſt nicht gut über Dichtungen ſprechen. Der
Schaffner war eingetreten. „Das Fleiſch ſei aufgezehrt
bis auf den letzten Biſſen“, lautete ſein Bericht, „ob er
zwei Ochſen ſchlachten dürfe.“
LNach wenig Tagen war Simon Bardos Mannſchaft
ſo geſchult, daß er ſie der Herzogin zur Muſterung vor⸗
führen konnte. Es war auch Zeit, daß ſie ihre Zeit nutzten;
ſchon waren ſie die verfloſſene Nacht aufgeſtört worden,
eine helle Röte ſtand am Himmel fern überm See, wie
eine feurige Wolke hielt ſich das Brandzeichen etliche
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Stunden lang, es mochte weit in Helvetien drüben ſein. 35
Die Moönche ſtritten miteinand; es ſei eine Erſcheinung
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