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204 Ektehard.
unſer Mut ſtark, doch hungrige Männer werden des Be—
lagertſeins unluſtig, vorgeſtern war unſer Vorrat auf—
gezehrt; wie es dunkelte, ſahen wir die Rauchſäule auf-
ſteigen vom Brand unſeres Kloſters; da brachen wir nächt-
licherweile durch den Feind, der Herr war mit uns und
bahnte den Weg, unſere Schwerter halfen auch dazu: ſo
ſind wir zu Euch gekommen...“
Der Abt neigte ſich gegen Frau Hadwig —
„. heimatlos und verwaiſt wie Vögel, in deren Neſt
der Blitz geſchlagen, und bringen Euch nichts mit als die
Kunde, daß der Hunne, den Gott vernichten möge, uns
auf den Ferſen nachfolgt..“
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„gZe eher er kommt, je beſſer!“ ſprach der Reichenauer
Abt trotzig und hob ſeinen Becher.
„Sieg den tapfern Waffen der Streiter Gottes!“
ſprach die Herzogin und ſtieß mit ihnen an.
„Und Rache für den braven Romeias!“ ſagte Praxedis
leiſe mit Tränen im Aug', wie der dürre Fridinger ſein
Glas an das ihrige klingen ließ.
Es war ſpät geworden. Wilder Geſang und Kriegs-
lärm erſchallte noch i im untern Saal. Der junge Bruder,
der von Mutina in Welſchland nach der Reichenau ge—
kommen war, hatte ſein Wächterlied wieder angeſtimmt.
Die Gelegenheit zu ernſter Tat ſollte nicht lange
mehr auf ſich warten laſſen.
Dreizehntes Kapitel.
Heribald und ſeine Gäſte.
Auf der Inſel Reichenau war's ſtill und öde, nachdem
des Kloſters Inſaſſen abgezogen. Der blödſinnige Heri⸗
bald war Herr und Meiſter des Eilands. Er gefiel ſich
in ſeiner Einſamkeit. Stundenlang ſaß er am Seeufer
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und warf flache Kieſelſteine über die Wellen, daß ſie drauf
tanzten. Wenn ſie gleich anfangs unterſanken, ſchalt er ſie.
Mit den Hühnern im Hof pflog er manchen Zwieſpruch,
er fütterte ſie pünktlich. „Wenn ihr brav ſeid“, ſprach er
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