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13. Heribald und ſeine Gäſte. 205
einmal, „und wenn die Brüder nicht heimkommen, ſo
wird euch Heribald eine Predigt halten.“ Im Kloſter
trieb er allerhand Kurzweil — an einem Tag der Einſam⸗-
keit laſſen ſich gar mancherlei nützliche Gedanken aushecken
— der Camerarius hatte ihn geärgert, daß er ihm ſein
Leder zum Schuhwerk geweigert, da ging Heribald auf
des Camerarius Zelle, ſeinen großen ſteinernen Waſſer-
krug ſchlug er in Trümmer, die drei Blumentöpfe des—
gleichen und trennte den Strohſack auf des Camerarius
Nachtlager entzwei und füllte ihn mit den Scherben.
Dann verſuchte er, wie ſich darauf liege: der harte In—
halt war ſcharf zu verſpüren — da lächelte er zufrieden
und ging in des Abt Wazmann Gemächer.
Auch dem Abte war er gram, dieweil er ihm manche
Züchtigung zu verdanken hatte, aber es war alles wohl
aufgeräumt und in Verſchluß getan, da blieb ihm nichts
übrig, als dem gepolſterten Lehnſtuhl einen Fuß abzu—
ſchlagen. Er fügte ihn wieder künſtlich an, als wäre nichts
geſchehen. „Das wird anmutig mit ihm zuſammenbrechen,
wenn er heimkommt und ſich bequemlich niederlaſſen will.
Den Leib ſollſt du züchtigen, ſagt der heilige Benedikt.
Aber Heribald hat den Stuhlfuß nicht abgeſchlagen, das
haben die Hunnen getan.“
Gebet, Andacht und Pſalmenſingen verrichtete er, wie
des Ordens Regel gebot. Die ſieben Tageszeiten hielt
der Einſame ängſtlich ein, als möcht' er geſtraft werden
ob deren Verſäumnis, auch zur Vigilie ſtieg er nach Mitter⸗
nacht hinunter in die Kloſterkirche.
Zur Zeit, als ſeine Mitbrüder auf der Herzogsburg
mit den Sankt Galliſchen zechten, ſtand Heribald im Chor;
unheimlich Grauen der Nacht lag über der Halle, düſter
flackerte die ewige Lampe: er aber ſtimmte unverdroſſen
und mit heller Stimme den Eingangsvers an: „Herr,
neige dich zu meinem Beiſtand! Herr, eile heran zu
meiner Hilfe!“ und ſang den dritten Pfſalm, den einſt
David geſungen, da er floh vor Abſalom, ſeinem Sohn.
Wie er an die Stelle kam, wo Übung des Pſallierens ge⸗
mäß die Antiphonie ertönen ſollte, hielt er nach alter Ge-
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