http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0207
206 Ekkehard.
wohnheit an und wartete des Gegengefangs, aber es blieb
ruhig und ſtumm, da fuhr er mit der Hand nach der Stirn.
„Ja ſo“, ſprach der Blödſinnige, „ſie ſind fort und Heri⸗
bald iſt allein..“ JZetzt wollte er auch noch den vierund-
neunzigſten Pſalm ſingen, wie es die Vorſchrift nächtlichen
Horadienſtes erheiſchte, da erloſch die ewige Lampe, eine
Fledermaus war drüber hingeſtreift. Draußen Regen und
Sturm. Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche
und ſchlugen an die Fenſter, da ward's ihm unheimlich
zu Mut: „Heiliger Benedikt“, rief er, „nimm ein gnädig
Einſehen, daß Heribald nicht ſchuld iſt, wenn die Anti⸗
phonie ungeſungen blieb.“ Er ſchritt in der Dunkelheit
aus dem Chor; ein ſchriller Wind pfiff durch ein Fenſter-
lein der Krypta unter dem Hochaltar, ein heulender Ton
kam herauf. Wie Heribald vorwärts ging, faßte ein Luft-
zug ſein Gewand: „Biſt du wieder da, hölliſcher Ver—
ſucher?“ rief er, „muß wieder gefochten ſeinss?“
Unverzagt ſchritt er zum Altar und faßte ein hölzern
Kreuz, das der Abt nicht hatte wegnehmen laſſen: „Im
Namen der Dreieinigkeit, komm heran, Larve des Sa—
tans, Heribald erwartet dich!“ Feſten Mutes ſtand er an
des Altares Stufen, der Wind heulte fort, der Teufel blieb
aus..yEr hat noch genug vom letztenmal!“ ſprach der
Blödſinnige lächelnd. Vor Fahresfriſt war ihm der böſe
Feind erſchienen in Geſtalt eines großen Hofhundes und
hatte ihn angebellt, aber Heribald hatte ihn beſtanden mit
einer Stange und ihm mit ſo tapfern Hieben zugeſetzt,
daß die Stange zerbrochen war.
Da rief Heribald noch eine Ausleſe beleidigender Re⸗
den nach der Richtung hin, wo der Luftzug ſtöhnte; wie
ſich aber nichts nahte, ihn anzufechten, ſtellte er das Kreuz
wieder auf den Altar, beugte ſein Knie und ging, Kyrie
(„.
—
0
eleison murmelnd, in ſeine Zelle zurück. Bis in den hellen
Morgen hinein ſchlief er dort den Schlaf des Gerechten.
Die Sonne ſtand hoch am Himmel, da wandelte Heri—
bald vergnüglich vor dem Kloſter auf und nieder. Seit
daß er ſich von den Schulbänken weg der VBakanz hatte
erfreuen mögen, war ihm wenig Gelegenheit zum Aus—
35
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0207