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13. Heribald und ſeine Gäſte. 213
führers Lippen, wie er vor ihm ſtand; läſſig ließ er die
Züsel über des Roſſes Hals hangen und wandte ſich rück⸗
wärts:
„Schau doch, wie ein Vertreter deutſcher Kunſt und
Wiſſenſchaft ausſieht!“ rief er zu Erica hinüber. — Auf
mehrfachen Raubzügen hatte Ellak notdürftig des deut-
ſchen Landes Sprache erlernt. „Wo ſind die Bewohner
der Inſel?“ fragte er gebieteriſch.
Heribald deutete nach dem fernen Hegau.
„Gewaffnet?“ fragte Ellak weiter.
„Die Diener Gottes ſind ſtets gewaffnet, der Herr iſt
ihnen Schild und Schwert.“
„Gut geſagt!“ lachte der Hunne: „Warum biſt du
zurückgeblieben?“
Heribald ward verlegen. Den wahren Grund von
wegen ſeiner zerriſſenen Schuhe anzugeben, geſtattete ihm
ſein Ehrgefühl nicht. „Heribald iſt fürwitzig“, ſprach er,
„Heribald wollte ſchauen, wie die Söhne der Teufel aus-
ſehen ...“
Ellak teilte ſeinen Gefährten des Mönchs höfliche
Worte mit. Ein wiehernd Gelächter erſcholl.
„Ihr braucht nicht zu lachen“, rief Heribald verdrieß-
lich, „wir wiſſen recht wohl, wer ihr ſeid, der Abt Waz-
mann hat's uns geſagt.“
„Ich werd' dich totſchlagen laſſen“, ſprach Ellak gleich-
gültig.
„Das wird mir recht geſchehen!“ ſprach Heribald,
„warum bin ich nicht durchgegangen!“
Ellak muſterte den ſtörriſchen Geſellen mit prüfendem
Blick, da fiel ihm ein anderer Gedanke bei. Er winkte dem
Bannerträger, daß er näher trete. Der kam und ſchwang
die Fahne mit der grünen Katze. Die war einſt dem
Hunnenkönig Etzel in ſeiner Jugend erſchienen: träume-
riſch ſaß er in ſeines Oheim Rugilas Zelt, er war ſchwer⸗
mütig und überlegte ſich, ob er nicht ein Chriſt werden
und Gott und der Wiſſenſchaft dienen ſolle, da kam die
Katze. Unter Rugilas Kleinodien hatte ſie den goldenen
Reichsapfel vorgeholt, ein Beuteſtück von Byzanz, ſie hielt
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