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21 4 Ekkehard.
ihn in den Krallen und ſpielte damit und rollte ihn hin
und her. Und eine Stimme ſprach in Etzel: „Du ſollſt kein
Mönch werden, du ſollſt mit der Erdkugel dein Spiel trei⸗
ben wie dieſes Tier!“, und er merkte, daß ihm der Hunnen
gott Kutka erſchienen war, ging hin, ſchwang ſein Schwert
nach den vier Weltteilen, ließ ſeine Fingernägel wachſen
und wurde, was er werden ſollte, Attila, König der Hun-
nen, die Geißel Gottess.
„Knie nieder, elender Mönch“, rief Ellak vom Roß
herunter, „der hier gemalt ſteht auf dem Banner, den
ſollſt du anbeten!“
Aber feſtgewurzelt ſtand Heribald.
„Ich kenne ihn nicht“, ſprach er mit dumpfem Lachen.
„Der Hunnen Gott!“ rief der Anführer zürnend. „Auf
die Knie, Kuttenträger! oder.“ er deutete auf ſein
krummes Schwert. L
Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeige—
finger nach der Stirn: „Da kennt Ihr Heribald ſchlecht“,
ſagte er, „wenn Ihr glaubt, daß er ſich das aufbinden laſſe.
Es ſteht geſchrieben: als Gott Himmel und Erde erſchaffen
und Finſternis über den Abgründen lag, da ſprach er:
es werde Licht! Wenn Gott eine Katze wäre, hätt' er
nicht geſagt: es werde Licht'. Heribald kniet nicht!.“
Ein hunniſcher Reiter trat unbemerkt bei, zupfte den
Mönch am Gewand und raunte ihm leiſe, aber auf gut
ſchwäbiſch ins Ohr: „Landsmann, ich tät' knieen an deiner
Stell', es ſind gar lebensgefährliche Leut'.“ Der Warner
hieß eigentlich Snewelin und war von Ellwangen im Rieß⸗
gau, ſeiner Geburt nach ein feſter Schwabe, aber im Lauf
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der Zeiten ein Hunne geworden und ſtand ſich ganz gut 30
dabei. Und er ſprach's mit etwas windigem Ton in der
Stimme, denn es fehlten ihm vier Vorderzähne und auch
der Backenzähne etliche, und das war eigentlich die Urſache,
daß er unter den Hunnen zu finden. In jungen Tagen
nämlich, da er noch als friedlicher Fuhrmann des heimat-
lichen Salvatorklöſterleins ſein Daſein friſtete, war er mit
einer Ladung ſchillernden Neckarweines unter guter Be—
deckung und kaiſerlichem Schutz nordwärts geſchickt wor—
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