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13. Heribald und ſeine Gäſte. 215
den auf den großen Markt zu Magdeburgs. Dorthin
kamen die Prieſter der heidniſchen Pommern und Wen-
den, ihren Opferwein zu kaufen, und er machte ein gut
Geſchäft, da er ſeine Ladung an den weißbärtigen Ober⸗-
prieſter des dreiköpfigen Gottes Triglaff's für den großen
Tempel bei Stettin losſchlug. Aber dann blieb er mit
dem weißbärtigen Heiden bei der Weinprobe ſitzen, und
dem ſchmeckte der ſchwäbiſche Nektar, und er kam in die
Begeiſterung und hub an, ihm die Herrlichkeit ſeiner Hei—
10 mat zu preiſen, und ſagte, bei ihnen zwiſchen Spree und
Oder fange eigentlich die Welt erſt an, und wollte ihn
bekehren zum Dienſte Triglaffs, des Dreiköpfigen, und
des ſchwarzweißen Sonnengottes Radegaſt und der Ra—
domysl, der Göttin der lieblichen Gedanken — da ward's
145 dem Mann von Ellwangen zu bunt: „Ihr ſeid ja ein
ſcheußlicher wendiſcher Windmüller!“ rief er und warf den
Zechtiſch um und fuhr an ihn, gleichwie der junge Recke
Siegfried, da er den langbärtigen wilden Gezwerg Al⸗—
berich anlief, und ward handgemein mit ihm und riß ihm
20 mit ſtarkem Ruck ſeines Graubarts Hälfte aus. FZener
aber rief Triglaff, den Dreiköpfigen, an und ſchlug ihm
mit eiſenbeſchlagenem Opferſtab einen Streich auf die
Kinnlade, der die Zier ſeiner Zähne für immer zerſtörte.
Und ehe der zahnloſe ſchwäbiſche Fuhrmann ſich wieder
25 erholte, war ſein weißbärtiger Widerſacher von dannen
gefahren, und er konnte ſich nimmer an ihm rächen; aber
wie er zu Magdeburgs Tor hinausging, ballte er ſeine
Fauſt nordwärts und ſprach: „Wir kommen auch wieder
zuſammen!“ In der Heimat lachten ſie ihn wegen ſeiner
z0o Zahnlücke noch gröblich aus, da ging er im hellen Verdruß
unter die Hunnen und gedachte, wenn die einmal gen
Norden ritten, mit dem dreiköpfigen Triglaff und allem,
was ihm diente, eine furchtbare Rechnung abzumachen...
Heribald hörte nicht auf den ſeltſamen Reitersmann.
2 Die Waldfrau war von ihrem Wagen heruntergeſprungen
und trat vor Ellak; grinſend ſchaute ſie nach dem Mönch:
„Ich hab' nach den Sternen geſchaut“, rief ſie, „von kahl-
geſchorenen Männern droht uns Unheil. IZhr ſollt zur
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