http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0217
216 Ekkehard.
Abwendung dieſen Elenden an des Kloſters Pforte auf-
hängen laſſen, mit dem Geſicht nach dem Gebirg' ge—
wendet!“
„Knüpft ihn auf!“ riefen viele im Haufen, die der
Waldfrau Gebärden verſtanden.
Ellak hatte ſich wieder zu Erxica hinüber gewendet:
„Dies Ungeheuer hat auch Grundſätze“, ſprach er höhniſch;
„es gilt ſeinen Tod und er weigert, das Knie zu beugen.
Laſſen wir ihn aufknüpfen, Blume der Heide?“
Heribalds Leben hing an ſchwachen Fäden. Er ſah
rings die unheimlichen Geſichter, ſein blöder Mut begann
zu ſchwinden, das Weinen ſtand ihm nah, aber ein rich—
tiger Zug liegt auch im Törichtſten zur Stunde der Ge—
10
fahr — wie ein Stern glänzte ihm der Heideblume rot-⸗
wangig Antlitz herüber, da ſprang er mit angſtvollen
Schritten durchs Getümmel zu Erica. Vor ihr kam's ihm
nicht ſchwer zu knieen, ihr Liebreiz ſchuf ihm Vertrauen,
mit ausgeſtreckten Armen flehte er um Schutz.
„Seht, ſeht!“ rief die Heideblume, „der Mann der
Inſel iſt nicht ſo töricht, als er ausſchaut. Er kniet lieber
vor Erica als vor der grünroten Fahne.“ Sie ſah gnädig
auf den Mitleidswerten, ſprang vom Roß und ſtreichelte
ihn wie ein halbwild Tier. „Fürcht' dich nicht“, ſprach ſie,
„du ſollſt am Leben bleiben, alter Schwarzrock!“ und Heri⸗
bald las aus ihren Augen, daß ihre Verſicherung ernſt
war. Er deutete nach der Waldfrau, die ihm am meiſten
bang gemacht; Erica ſchüttelte das Haupt: „Die darf dir
nichts tun!“ Da ſprang Heribald wohlgemut an die
Mauer, Frühroſen blühten dort und Flieder, ſchnell riß
er etlich Gezweig ab und reichte es der hunniſchen Maid.
Schallender Fubel hob ſich im Kloſterhof“s: „Der Heide-
blume Heil!“ riefen ſie und klirrten mit den Waffen.
„Schrei mit!“ raunte der Mann von Ellwangen dem Ge—⸗
retteten zu — itzt hub auch Heribald ſeine Stimme und
rief ein heiſeres Heil! Tränen ſtanden ihm im Aug'.
Die Hunnen ſattelten ab. Wie die Meute der Hunde
am Abend der Fagd des Augenblicks harrt, wo der aus—
geweidete Hirſch ihnen als Beute vorgeworfen wird, hier
15⁵
30
35
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0217