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14. Die Zunnenſchlacht. L 225
wohl vorausgeſehen, daß es nicht notwendig, Urlaub von
mir zu ſolchem Gang zu erbitten. Auch ans Abſchied-
nehmen denkt Ihr nicht?“ fuhr ſie mit leis vorwurfsvollem
Ton fort.
Ekkehard ſtand verlegen. „Es ziehen fürnehmere und
beſſere Männer heute aus Eurer Burg“, ſagte er; „die
Abte und die Edeln werden um Euch ſein, wie konnt⸗ ich
an beſondern Abſchied denken, auch wenn es. ſeine
Stimme ſtockte.
Die Herzogin ſchaute ihn an. Beide ſchwiegen.
„Ich bring' Euch etwas, das Euch im Kampfe dienlich
ſein ſoll“, ſprach ſie nach einer Weile. Sie trug unter
ihrem Mantel ein koſtbar Schwert in reichem Wehrgehäng,
ein milchweißer Achatſtein erglänzte am Griff. „Es iſt
das Schwert Herrn Burkhards, meines ſeligen Gemahls.
Von allen Waffenſtücken hielt er das am höchſten. Mit
der Klinge laſſen ſich Felſen ſpalten, ſie ſplittert nicht, hat
er oft geſagt. Fhr ſollt ihm Ehre machent“—
Sie reichte ihm die Waffe dar. Ekkehard nahm ſie
ſchweigend hin. Schon trug er den Harniſch unter der
Kutte, itzt ſchnallte er das Wehrgehäng um und fuhr mit
der Rechten nach dem Schwertgriff, als ſtünd' ihm be—
reits der Feind gegenüber.
„Und noch etwas“, ſprach Frau Hadwig.
An ſeidener Schnur trug ſie ein goldgefaßt Kleinod
um den Hals, das zog ſie aus ihrem Buſen; es war ein
Kriſtall, der einen unſcheinbaren Splitter barg. „Wenn
mein Gebet nicht ausreicht, ſo mög' Euch die Reliquie
Schutz verleihen. Es iſt ein Splitter vom heiligen Kreuz,
das die Kaiſerin Helena einſt aufgefunden. Wo auch immer
dies Heiligtum ſein wird, da wird Friede ſich einſtellen
und Mehrung des Anweſens und Geſundheit der Luft'so,
ſo ſtand im Schreiben, mit dem der griechiſche Patriarch
die Echtheit beglaubigte. Mög' es auch im Krieg Segen
ſpenden!“
Sie neigte ſich, dem Mönch das Kleinod umzuhängen.
Er beugte ſein Knie; längſt hing's um ſeinen Hals, er
kniete noch. Sie ſtreifte leicht mit der Hand über ſein
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