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242 Ekkehard.
zeichnet mit dem Buchſtaben, auf daß man ſie erkenne,
wann der Geiſt dereinſt ihr Gebein anbläſt, daß ſie wieder
leben und auf den Füßen ſtehen und ein Heer ſind wie
ehedem; ſo dachte er nach dem Bild des Propheten, be—⸗
kreuzte ſich und ſchwieg. Die Geſtalt verſchwand aus
ſeinen Augen.
Der Morgen graute, da kamen viel Männer vom Heer⸗
bann, die Mönche abzulöſen. Die Herzogin ſandte ſie.
Herr Simon Bardo war zwar nicht einverſtanden. „Sieg
iſt nur halber Sieg, ſo er nicht benutzt wird, wir müſſen
den Fliehenden nachrücken, bis der Letzte von ihnen ge—
tilgt iſt“, hatte er geſagt. Aber die Mönche drangen auf
Rückkehr, der Oſtertage wegen, und die andern ſprachen:
„Bis wir die mit ihren ſchnellen Roſſen einholen, mögen
wir weit ziehen, ſie ſind gekommen, wir haben ſie gehauen,
kommen ſie wieder, ſind neue Hiebe vorrätig — die Ar⸗
beit von geſtern iſt ihrer Ruhe wert.“ Da ward beſchloſſen,
die Toten zu begraben vor Anbruch des Oſterfeſtes.
Die Männer trugen Karſt und Spaten und ſchaufel-
ten zwei große Gräber. Es war eine verlaſſene Kiesgrube
ſeitwärts im Feld, die weiteten ſie aus zu geräumigem
Ruheplatz. Dorthin trugen ſie der Hunnen Leichname.
Waffen und Rüſtung wurden abgetan und geſammelt,
viel Traglaſten von Beuteſtücken. Und ſie warfen die
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Toten in die Grube, ſonder Rückſicht, wie ſie gebracht 25
wurden — es war ein wild verſchlungener Knäuel von
Gliedmaßen, Roß und Menſchen durcheinander verſtrickt,
ein Gewühl wie beim Höllenſturz der abtrünnigen Engel.
Die Tiefe füllte ſich. Einer der Schaufelnden kam und
brachte ein einzeln Haupt; grimmig ſchaute es drein, mit
zerſpellter Stirn. „Es wird auch zu den Heiden gehören
und mag ſeinen Rumpf ſuchen!“ rief er und ſchleuderte
es zu den Leichen.
Wie das ganze Feld abgeſucht und kein hunniſcher
Mann mehr zu finden war, ſcharrten ſie die Grube zu;
es war ein Begräbnis ohne Sang und Klang — nur et-
liche Flüche tönten als Nachruf hinab und Raben und
Raubvögel krächzten heiſer drein: die in den Felsſpalten
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