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15. Hadumoth. 257
blaß und hager geworden, die Augen trüb von Tränen,
die niemanden gerührt.
„Daß Ihr mir den Kindern nichts zuleide tut, alte
Meerkatze!“ rief Erica der Waldfrau zu.
Da ging Hadumoth hinüber. Der Hirtenknabe ließ
ſeinen kunſtloſen Löffel fallen und reichte ihr die Hand
ſtumm und ſtill, aber aus den tiefdunkeln Augen blitzte
es zu ihr hinüber wie eine große Geſchichte von Gefangen-
ſchaft, Duldung und ſchweifendem Wunſch des Befreit—
ſeins. Hadumoth ſtand unbeweglich vor ihm; ſie hatte
ſich viel Rührendes gedacht vom Augenblick des Wieder⸗
ſehens; das alles ſchwand — die größte Freude jubelt
ſchweigend ihr Lied himmelan. „Gib mir eine Schüſſel
von deiner Suppe, Audifax“, ſprach ſie, „mich hungert!“
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Die Waldfrau ließ es geſchehen, daß er ihr eine höl⸗
zerne Schüſſel aus dem Feldkeſſel füllte. Das hungrige
Kind ſtärkte ſich dran und ward guten Mutes und erſchrak
nicht über die wilden Geſichter der hunniſchen Reiter, die
da kamen, ihre Abendſuppe zu ſchöpfen. Nachher ſetzte
ſie ſich dicht zu Audifax hin. Er war ſtumm und zurück-
haltend, erſt wie es dunkel ward und ſeine Dräuerin von
dannen ging, löſten ſich die Feſſeln ſeiner Zunge. „O,
ich weiß viel, Hadumoth!“ ſagte er leiſe und ſah ſich ſcheu
um — „ich weiß den Hunnenſchatz! Die Waldfrau hat
ihn in Verwahrung, zwei Truhen ſtehen unter ihrem
Lager im Zweighaus; ich hab' ſelber hineingeſchaut, es
glänzt drin von Spangen und Vorhängkleinodien und
güldenem Geſchirr. Auch ein ſilbern Huhn mit Küchlein
und Eiern iſt dabei, das hat einer im Lombardenland mit-
genommen, und viel Prächtiges ſonſt.. ich hab's teuer
gebüßt, den Schatz zu ſehen...“
Er lüpfte ſeinen ledernen Schlapphut. Sein rechtes
Ohr war halb abgeſchnitten. .
.. . Die Waldfrau kam heim, eh' ich die Truhe zu—
ſchlagen konnte. Das ſei dein Lohn', ſprach ſie und zuckte
die Schere wider mein Ohr. 's hat weh getan, Hadu—
moth. Aber ich zahl's ihr heim!“
„Ich helf' dir!“ ſprach die Gefährtin.
Scheffel. III. 17
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