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16. Cappan wird verheiratet. 269
Mutter ſei ihm erſchienen, in Lämmerfelle gehüllt, und
hab' ihm zugerufen: „Dein Bogen iſt zerbrochen, duck' dich,
arm Reiterlein, die dich vom Roß geſtochen, ſoll'n deine
Herren ſein!“
In ſtiller Sonntagsfrühe aber, als noch perlender Tau
die Halme netzte und kaum ein erſtes Lerchlein ſich zum
reinen Morgenhimmel aufſchwang, wallte eine kleine
Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab — dies⸗
mal kein Trauerzug.
Ekkehard voraus im violetten Prieſtergewand, in—
mitten ſeiner Paten der Hunne, ſo ſchritten ſie durch den
üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüßleins Aach. Dort
pflanzten ſie das Kreuz in weißen Sandboden und tra⸗
ten im Halbkreis um den, der heute zum letztenmal Cap⸗
pan heißen ſollte; hell klang ihre Litanei durch die Mor⸗
genſtille zu Gott auf, daß er gnädig herabſchaue zu dem,
der jetzt ſeinen Nacken vor ihm beuge und ſich nach Be—
freiung ſehne vom Foch des Heidentums und der Sünde.
Dann hießen ſie den Täufling ſich entkleiden bis auf
die Umgürtung der Lenden. Er kniete im Uferſand, Ekke—
hard ſprach die Beſchwörung im Namen deſſen, den Engel
und Erzengel fürchten, vor dem Himmel und Erde er—
zittern und die Abgründe ſich auftun, auf daß der böſe
Geiſt die letzte Gewalt über ihn verliere, dann hauchte
er ihn dreimal an, reichte geweihtes Salz ſeinem Munde,
als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens, und
ſalbte ihm Stirn und Bruſt mit heiligem Ole. Der Täuf-
ling war wie erſchüttert und wagte kaum zu atmen, ſo
ſchlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt. Wie ihm
darauf Ekkehard die Formel der Abſchwörung vorſprach:
„Verſagſt du dem Teufel und allen ſeinen Werken und
allen ſeinen Gezierden?“ antwortete er mit heller
Stimme: „Ich verſag' ihm!“ und ſprach, ſo gut er's ver—
mochte, die Worte des Bekenntniſſes nach, drauf tauchte
ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüßleins, die Taufe
war ausgeſprochen, der neue Paulus ſtieg aus dem Ge—
wäſſer... einen wehmütigen Blick warf er nach dem
friſchen Grabhügel, der ſich drüben am Waldſaum türmte,
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