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16. Cappan wird verheiratet. 275
licher Anregung aus dem ungewohnten Tanz. Es mag
ſein, daß mancher ſpäter ſich nähere Unterweiſung drin
erbat, denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage
herüber von den „ſieben Sprüng“ oder dem „hunniſchen
Hupfauf“, der als Abwechſlung vom einförmigen Drehen
des Schwäbiſchen und als Krone der Feſte ſeit jenen Ta—
gen dort landüblich ward.
„Wo iſt Ekkehard?“ fragte die Herzogin, nachdem ſie,
vom Zelter geſtiegen, die Reihen ihrer Leute durchwan—⸗
delt hatte. Praxedis deutete hinüber nach einem ſchattigen
Rain. Eine rieſige Tanne wiegte ihre ſchwarzgrünen Wip—
fel, ihr zu Füßen im verſchlungenen Wurzelwerk ſaß der
Mönch. Lauter Jubel und Menſchengewühl preßte ihm
beklemmend die Bruſt, er wußte nicht weshalb — er hatte
ſich ſeitab gewandt und ſchaute hinaus über die waldigen
Rücken in die Alpenferne.
Es war einer jener duftigen Abende, wie ſie hernach—
mals Herr Burkart von Hohenvels auf ſeinem rieſigen
Turm überm See belauſcht hat, „da die Luft mit Sonnen—-
feuer getempert und gemiſchet?“. Die Ferne ſchwamm
in leiſem Glanz. Wer einmal hinausgeſchaut von jenen
ſtillen Berggipfeln, wenn bei blauem Himmel die Sonne
glutſtrahlend zur Rüſte geht, purpurne Schatten die Tie—
fen der Täler füllen und flüſſiges Gold den Schnee der
Alpen umſäumt, dem muß noch ſpät im Nebeldunſt ſeiner
vier Wände die Erinnerung tönen und klingen, lieblich
wie ein Sang in den ſchmelzenden Lauten des Südens.
Ekkehard aber ſaß ernſt, das Haupt geſtützt in der
Rechten.
„Er iſt nicht mehr wie früher! “ſagte Frau Hadwig zur
Griechin.
„Er iſt nicht mehr wie früher!“ ſprach Praxedis ge⸗
dankenlos ihr nach. Sie hatte auf die hegauiſchen Weiber
zu ſchauen und ihren Feſtſchmuck und überlegte an dieſen
hohen Miedern und faßartig geſteiften Röcken und der
unnennbaren Haltung beim Tanz, ob der Genius guten
Geſchmackes händeringend für immer dies Land verlaſſen
oder ob ſein Fuß es noch gar nie betreten habe.
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