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276 Ekkehard.
Frau Hadwig trat vor Ekkehard. Er fuhr auf ſeinem
Moosſitz empor, als wär' ihm ein Geiſt erſchienen.
„Einſam und fern von den Fröhlichen?“ frug ſie.
„MWas treibet Ihr?“
„Ich denke darüber nach, wo das Glück ſei“, ſprach
Ekkehard.
„Das Glück?“ ſprach Frau Hadwig, „das Glück kommt
von ohngefähr wohl über neunzig Stunden her, heißt's
im Sprichwort. Fehlt's Euch?“
„Es wäre möglich“, ſprach der Mönch und ſchaute ins
Moos hinab. Erneute Muſik und Jauchzen der Tanzen-
den tönte herüber.
„Die dort das Erdreich ſtampfen“, fuhr er fort, „und
mit den Füßen auszuſprechen wiſſen, was ihnen das Herz
bewegt, ſind glücklich; es gehört wohl wenig dazu, um's
zu ſein, vor allem —“ er deutete nach den ſchimmernden
Häuptern der Alpen — „keine Fernſicht auf Höhen, die
unſer Fuß niemals erreichen darf.“
„Ich verſteh' Euch nicht“, ſagte die Herzogin trocken.
Ihr Herz dachte anders als ihre Zunge. „Wie geht es
Eurem Virgilius?“ ſprach ſie, die Rede ablenkend; „es
hat ſich wohl Staub und Spinnweb über ihn geſetzt in
der Not der vergangenen Tage?“
„In meinem Herzen iſt er wohl geborgen“, ſprach Ekke—
hard, „wenn das Pergament auch modert. Erſt vorhin
ſind mir ſeine Verſe zum Lob des Landbaus durch die
Gedanken gezogen: Dort das waldumſchattete Häuslein,
am Bergeshang der Felder ſchwarzfettes Erdreich, ein
neu vermählt Paar mit Hacke und Pflug, der Mutter Erde
den Unterhalt abzwingend — neidig mußt' ich des Vir—
gilius Bild vor mir ſehen:
— ein truglos gleitendes Leben,
Reich an mancherlei Gut. Und Muße bei räumigen Feldern,
Grotten und lebende Teich', ein Kühlung atmendes Tempe,
Rindergebrüll und unter dem Baum ſanft winkender Schlummer.“
„Ihr wißt ſinnig zu erklären“, ſprach Frau Hadwig.
„Des Cappan Lehenspflicht, ringsum den Maulwurf zu
fahen und die nagende Feldmaus, hat Euer Neid wohl
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