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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0284
17. Gunzo wider Ekkehard. 283

ſteine, die er auf ſeiner Bergmannsarbeit aus den Schach—
ten alten Wiſſens grub? Nein.
„Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren ſein?“
ſprachen ſeine Genoſſen, „ehedem iſt ſeine Zunge gegangen
5 wie ein Mühlrad, und die Bücher haben Ruhe vor ihm
gehabt: ‚Sie können mir doch nur bieten, was ich längſt
weiß', hat er ſich oft gerühmt — und jetzt? Jetzt knarrt
und ſcharrt ſeine Feder, daß bis im vorderen Kreuzgang
der Widerhall ihres Kratzens gehört wird. Gedenkt er des
10 Kaiſers Protonotar und Erzkanzler zuwerden? ſucht er den
Stein der Weiſen oder ſchreibt er ſeine italiſche Reiſe?“
Aber der Bruder Gunzo blieb an ſeinem Werk. Un—
verdroſſen trank er ſeinen Waſſerkrug leer und las ſeine
Klaſſiker, — die erſten Gewitter kamen und mahnten,
15 daß der Sommer mit ſeiner Schwüle vor der Türe ſtehe;
er ließ donnern und blitzen und ſaß feſt wie zuvor. Den
Schlummer der Nacht brach er zuweilen und ſprang auf
zu ſeinem Tintenfaß, als hätt' er im Traum Gedanken
erhaſcht; oft waren ſie wieder verſchwunden, bevor ihm
20 das Niederſchreiben gelang, aber ſein Sinn war feſt aufs
Ziel gerichtet. „Kommen wird einſtens der Tag“... mit
der homeriſchen Verheißung ſich tröſtend, ſchlich er auf
ſein Lager zurück. .
Gunzo war im kräftigen Mannesalter, eine mäßig
25 große, gedrungene Geſtalt, wohlbeleibt; wenn er des Mor-
gens vor ſeinem fein geſchliffenen Metallſpiegel ſtund und
mehr als notwendig die Augen auf dem eigenen Abbild
haften ließ, ſtrich er oft ſeinen rötlichen Bart, als woll'
er zu Fehde und fährlichem Streithandel ausreiten.
300 Fränkiſch Blut mit galliſchem vermiſcht rollte in ſeinen
Adern: das ſchuf ihm ein Stück von jener Beweglichkeit
und Immerlebendigkeit, die dem Germanen reinen Stam—
mes abgeht. Darum hatte er auch in währender Schreib⸗
arbeit mehr Federn zerbiſſen und Schnipfel zerzauſt und
35 Selbſtgeſpräche geführt, als ein Genoſſe in deutſchem Klo—
ſter in gleicher Friſt getan hätte. Aber er hielt ſeines
Fleiſches natürliche Unruhe nieder und zwang ſeine Füße
mannhaft, unter dem bücherſchweren Tiſch ſtandzuhalten.


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