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294 G Ettehard.

weinte vor Rührung. So gelehrt und ſo tief und ſo ſchön
ſei noch nichts aus den Mauern des heiligen Amandus

in die Welt hinausgegangen. Nur ein einziger der Brüu⸗

der ſtand unbeweglich an der Mauer.
„Nun?“ fragte Gunzo.

„Wo bleibt die Liebe?“ ſprach der Bruder leiſe, dann

ſchwieg er. Gunzo fühlte den Vorwurf.
„Du haſt recht, Hucbald!“ ſprach er, „es ſoll geholfen
werden. Die Liebe gebeut, für unſere Feinde zu beten.
Ich werd' noch ein Gebet für den armen Toren an den
Schluß der Schrift ſetzen, das wird ſich verſöhnlich aus—
nehmen und weiche Gemüter beſtechen. Wie?“
Der Bruder ſchwieg. Es war ſpät in der Nacht ge—
worden. Sie gingen auf den Zehen aus der Zelle.
Gunzo wollte den, der von der Liebe geſprochen, zu—
rückhalten, es war ihm an ſeinem Urteil gelegen, aber
der wandte ſich und folgte den andern.
„Matthäus dreiundzwanzig, fünfundzwanzig*!“ ſprach
er vor ſich hin, wie ſein Fuß die Schwelle überſchritten.
Niemand hörte ihn.
Aber Gunzo, den Vielgelehrten, floh der Schlummer,
wieder und wieder las er die Blätter ſeines Fleißes, er
wußte bald, an welchem Fleck jedes einzelne Wort ſtand,
und doch kamen ſeine Augen nicht los von den bekannten
Zügen. Dann griff er zur Feder: „Einen frömmern
Schluß!“ ſprach er — „ſei es denn!“ Er beſann ſich, dann
durchmaß er die Stube mit bedachtſamem Schritt. „Es
ſollen künſtliche Hexameter werden; wer hat je würdiger
eine Beleidigung vergelten ſehen?“
JZetzt ſetzte er ſich hin und ſchrieb. Ein Gebet für ſeinen
Feind wollte er ſchreiben. Aber wider ſeine Natur kann
niemand. Da las er ſeine Blätter noch einmal durch —
ſie waren allzu gelungen. Dann ſchrieb er den Nach—
trag. Der Hahn krähte ins Morgengrau, da war auch
dieſer vollendet; praſſelnder Mönchsverſe zwei Dutzend

* „Weh euch, Schriftgelehrte und Phariſäer, ihr Heuchler, die ihr die

Becher und Schüſſeln auswendig reinlich haltet, inwendig aber iſt's voll

Raubes und Fraßes!“

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