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298 Ektehard.
Seine Epiſtel darf nicht ungeleſen vermodern, laſſet et—
liche Abſchriften nehmen, lieber ſechs als drei. Der junge
Herr muß von Hohentwiel weggebiſſen werden. Ich liebe
die jungen Schnäbel nicht, die feiner ſingen wollen als
die Alten. Schnee auf die Tonſur! das ſoll ihm gut tun.
Wir werden unſerem Mitbruder in Sankt Gallen ein
Brieflein ſchicken, daß er ihm die Rückkehr anbefehle. Wie
ſteht's mit ſeinem Sündenregiſter?“
Rudimann hob bedächtig die linke Hand auf und be—
gann mit den Fingern zu zählen. „Soll ich's herſagen?
Zum erſten: In währender Weinleſe den Frieden unſeres
Kloſters geſtört, indem er.
„Halt!“ ſprach der Abt, „das iſt abgetan. Alles, was
vor der Hunnenſchlacht geſchehen und anhängig worden,
ſei erledigt, ab und zur Ruhe! So haben's einſt die Bur⸗
gunder in ihr Geſetzen geſchrieben, das ſoll auch bei uns
noch gelten.“
„Dann ohne Fingerzählung“, ſagte der Kellermeiſter.
„Des heiligen Gallus Pörtner iſt, ſeit er ſein Kloſter ließ,
dem Hochmut und der Anmaßung untertan worden, ohne
Gruß der Lippen geht er an Brüdern vorüber, deren Alter
und Verſtand ſeine Reverenz fordern, er hat ſich heraus—
genommen, am heiligen Tag, da wir die Hunnen ſchlugen,
die Heerpredigt zu halten, wiewohl ein ſo wichtig Amt
der Rede einem der hochwürdigen Abte zugeſtanden wäre;
hat ſich ferner herausgenommen, einen heidniſchen Ge—
fangenen zu taufen, wiewohl die Taufe vorgenommen
werden ſoll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks, und
nicht von einem, der an die Pforte des heiligen Gallus
gehört.
„Was aber aus ſtetiger Berührung des vorlauten
Jünglings mit ſeiner neuen Gebieterin noch werden mag,
weiß nur der, der Herz und Nieren prüft! Bereits hat
man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenom⸗-
men, wie er ſich der einſamen Unterredung mit jener
Herrin in Iſrael nicht entzieht und etlichemal geſeufzt hat
gleich einem angeſchoſſenen Damhirſch. Auch hat man
mit Betrübnis geſehen, wie eine unſtet irrlichtelnde grie⸗
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