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300 L Ettehard.
wenn ſie das Dunkel durchzuckten, daß ein greller Schein
die Ufer des Sees hell heraushob, und hatte gelacht,
wenn's wieder finſter ward und der Donner ſchütternd
über die Berggipfel rollte.
Jetzt war ſonniger Morgen. Auf dem Gras perlten
tauige Tropfen, zwiſchendrein im Schatten auch dann
und wann ein ungeſchmolzenes Eiskorn. Schweigend lag
Berg und Tal, aber die gebräunte Frucht der Felder ließ
ihre Halme geknickt zu Boden hangen, Hagelſchlag hatte
in der hochſtrebenden Ernte gewütet. Aus den Felſen
des Berges rieſelten trübfarbige Bächlein talabwärts.
Noch regte ſich's nicht auf der Flur: es war kaum nach
dem erſten Hahnenſchrei. Nur fern über das Hügelland,
das im Rücken des hohen Twiel ſich wellenförmig aus—
dehnt, kam ein Mann geſchritten. Das war der Hunn'
Cappan. Er trug Weidengerten und allerhand Schlingen
und ging an ſeine Arbeit, den Feldmäuſen nachzuſtellen.
Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt, — das Bild eines
glücklichen Neuvermählten, ihm war in der langen Fri⸗
derun Armen ein neues Leben aufgegangen.
„Wie geht's?“ fragte ihn Ekkehard mild, als er an ihm
vorüberſchritt und ihn demütig grüßte. Der Hunn deutete
in die blaue Luft hinauf: „Wie im Himmel!“ ſagte er
und drehte ſich vergnügt auf ſeinem Holzſchuh. Ekkehard
wandte ſich. Noch lang' tönte des Schermausfängers
Pfeifen durch die Morgenſtille, er aber ſchritt zum Ab—
hang der Felſen. Dort lag ein verwitterter Stein; ein
Fliederbuſch wölbte ſich drüber mit üppig weißen Blüten.
Ekkehard ſetzte ſich. Lang' ſchaute er in die Ferne, dann
zog er ein von zierlicher Decke umfaßtes Büchlein aus
ſeiner Kutte und hub an zu leſen. Es war kein Brevier
und kein Pfalterium. „Das hohe Lied Salomonis!“ hieß
die Überſchrift; das war kein gut Buch für ihn. Sie hatten
ihn zwar einſtens gelehrt, der lilienduftige Sang gelte
dem brünſtigen Sehnen nach der Kirche, der wahren
Braut der Seele; er hatte es auch in jungen Tagen ſtu—
diert, unangefochten von den Gazellenaugen und tauben-
weichen Wangen und palmbaumſchlanken Hüften der
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