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18. Herrn Spazzo, des Kämmerers, Geſandtſchaft. 303
wie es tiefdunkel über dem Eichwald ſtand, kam ein weiß⸗
grau Wölklein heraufgezüngelt, das hatte fünf Zacken, wie
Finger einer Hand, und ſchwoll an und ſchoß Blitze und
war ein Hagelwetter, fährlicher als alles frühere. Der
§s Kloſtermeier war zuverſichtlich unter ſeiner Einfahrt ge⸗
ſtanden: „Der von Singen ſprengt mir's wieder weg“,
hatte er gedacht; aber wie die ſchweren Eisgeſchoſſe in
ſein Kornfeld einſchlugen und die Ahren umſanken wie
pfeilerſchoſſene Fugend im Feldſtreit, und alles geknickt
10 lag, da ſchlug er mit geballter Fauſt auf den Eichentiſch:
„Verflucht ſei der Lügner in Singen!“ In heller Ver—
zweiflung wollt' er jetzt ein althegauiſches Hausmittel an⸗
wenden, nachdem des Diakon Zauber fruchtlos: Er riß
ein paar Eichenzweige vom nächſten Stamm und zupfte
15 das Laub zu einer Streu zuſammen, das tat er in ſein
altehrwürdiges Hochzeitgewand und hing's an die mäch⸗
tige Hauseiche. Aber die Hagelkörner ſchlugen fort und
fort in die Kornernte trotz Hochzeitrock und Eichblattſtreu.
Wie feſtgebannt ſchaute der Kloſtermeier auf den im
20 Regen ſchwebenden Bündel, ob ſich der Wind draus er-
hebe, der den Regen verjagt: der Schönwetterwind blieb
aus. Da zogen ſich ſeine Augbrauen grimmig zuſammen,
er biß ſich die Lippen und ſchritt in ſeine Stube. Die
Knechte wichen ihm auf zehn Schritte aus, ſie wußten,
25 was es hieß, wenn ihr Meiſter die Lippen biß. Schier
zuſammengebrochen warf er ſich an den eichenen Tiſch
und ſprach lang' kein Wort. Dann tat er einen fürchter-
lichen Fluch. Wenn der Kloſtermeier fluchte, war's ſchon
beſſer. Der Großknecht kam ſchüchtern herbei und ſtellte
z0 ſich ihm gegenüber; er war ein rieſiger Sohn Enaks, aber
vor ſeinem Meiſter ſtand er blöd wie ein Kind.
„Wenn ich die Hexe wüßte!“ ſprach der Meier, „die
Wetterhexe, die Wolkentrude! Die ſollte ihren Rock nicht
umſonſt über den Schlangenhof ausgeſchüttet haben...
35 Daß ihr die Zunge im Mund verdorre!“
„Braucht's eine Hexe zu ſein?“ ſagte der Großknecht.
„Seit das Waldweib am Krähen drüben landfluchtig wor-
den, läßt ſich keine mehr geſpüren.“
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