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308 Ekkehard.
„Was tut ihr, Unſinnige, die ihr richten wollet, wo
euch zu beten geziemt, daß ihr nicht ſelber möget gerichtet
werden! Hat der Mann gefrevelt, ſo wartet bis zum Neu⸗
mond, wenn der Leutprieſter von Radolfszell das Send-
gericht?n hält, dort mögen ihn die ſieben Eidmänner ver⸗
botener Kunſt zeihen, wie es des Kaiſers und der Kirche
Vorſchrift!“
Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht.
Ein drohend Murren erhob ſich.
Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine
andere Saite anzuklingen.
„Und glaubt ihr wirklich, ihr, die Söhne des Landes
der Heiligen, der Gott wohlgefälligen ſchwäbiſchen Erde,
daß ein ſo arm hergelaufener Hunnenmenſch Macht haben
könnte, unſere Wolken zu beſchwören? Glaubt ihr, daß
die Wolken ihm gehorchen? daß nicht vielmehr ein guter
HGegauer Blitz ihm das Haupt zerſchmettert hätte zur Strafe
des Frevels, daß ein fremder Mann ihn angerufen?“
Wenig fehlte, ſo hätte dieſer Grund den heimatſtolzen
Gemütern eingeleuchtet. Aber der Kloſtermeier rief: „Der
Donnerkäfer! Der Donnerkäfer! Wir haben ihn mit
eigenen Augen zu ſeinen Füßen kriechen ſehen!“ Da er-
ſcholl es von neuem: „Steiniget ihn!“ Ein Feldſtein flog
herüber und ſchlug den Armen blutrünſtig. Da warf ſich
Ekkehard unverzagt über ſeinen Täufling und ſchirmte
ihn mit ſeinem eigenen Leib. Das wirkte.
Die Männer vom Schlangenhof ſchauten einander an;
allmählich wurden ſie ſtumm, dann machte einer im
Kreiſe kehrt und ging feldeinwärts, andere folgten, zuletzt
ſtand der Kloſtermeier allein: „Ihr haltet's mit dem Land⸗-
verderber!“ rief er zürnend, aber Ekkehard antwortete
nicht, da ließ auch er den erhobenen Stein zur Erde ſinken
und ging brummend von dannen.
Cappan war übel zugerichtet. Auf einem Rücken, den
alemanniſche Bauernfäuſte durchgearbeitet, wächſt jahre-
lang kein Gras. Der Steinwurf hatte eine Wunde in den
Kopf geſchlagen, die blutete ſtark. Ekkehard wuſch ihm das
Haupt mit Regenwaſſer und machte das Zeichen des Kreu⸗
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