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312 Ektehard.
ſten Gäſte auf deutſcher Erde. Er ſchwieg und ging in
den Garten. Dort riß er ein paar Salbeiblätter ab und
rieb ſeinen Rücken.
Herr Spazzo ſchritt über den Kloſterhof zum Tor, das
durch den Kreuzgang ins Innere führte. Er trat feſt auf.
Die Glocke zum Mittagsmahl läutete. Einer der Brüder
kam ſchnellen Ganges über den Hof. Herr Spazzo faßte
ihn am dunkeln Gewand.
„Rufet mir den Abt herunter!“ ſprach er. Der Mönch
ſah ihn verwundert an und tat einen Seitenblick auf des
Kämmerers abgetragen JFagdhabit.
„Es iſt die Stunde der Mahlzeit“, ſprach er. „Wenn
Ihr geladen ſeid, was ich aber..“ er ſchaute wiederum
etwas ſpöttiſch auf Spazzos Fagdrock; der Schluß ward
ihm erſpart, der Kämmerer würdigte den hungrigen Bru—
der eines gediegenen Fauſtſchlages, daß er taumelnd von
der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein wohlgeſchleu—
derter Federball. Die Mittagsſonne ſchien auf des Ge—
fallenen Tonſur.
Dem Abt war bereits gemeldet worden, welch einen
Frevel der Kloſtermeier ſich an der Herzogin Mann er—
laubt. Jetzt vernahm er den Tumult im Kloſterhof. Wie
er an ſein Fenſter trat, erſchaute er juſt den frommen
Bruder VYvo fauſtſchlagbefördert in den Gof hinausfliegen.
Glücklich, wer der Dinge geheimſte Urſachen erkannt hat,
ſingt Virgilius. Abt Wazmann erkannte ſie, er hatte aus
dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier
drohend herübernicken geſehen.
„Ruft mir den Abt herunter!“ rief's zum zweitenmal
vom Hofe herauf, daß die Scheiben der Zellenfenſter
klirrten. Unterdeſſ en ward die Reichenauer Mittagsſuppe
kalt; die im Refektorium Verſammelten griffen endlich
zu, ohne des Abts zu warten.
Der Abt Wazmann hatte Rudimann, den Keller⸗
meiſter, zu ſich entboten. „Das alles“, ſprach er, „hat
uns der Grünſpecht von Sankt Gallen wieder angezettelt.
O Gunzo, Gunzo! Keiner ſoll ſeinem Nächſten ein Leid
wünſchen, aber doch überdenkt mein Gemüt die Frage,
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