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18. Herrn Spazzo, des Kämmerers, Geſandtſchaft. 315
Unterdes ritt Rudimann, der Kellermeiſter, aus dem
Kloſter. Der Fiſcher von Ermatingen hatte einen rieſigen
Lachs gefangen, friſch und prächtig lag er im kühlen Keller
verwahrt, den hatte Rudimann erleſen als Geſchenk zur
5 Beſchwichtigung der Herzogin. Auf dem Schreibzimmer
des Kloſters hatte er auch noch zu ſchaffen, bevor er aus⸗
ritt. Ein Laienbruder mußte ihn begleiten, das in Stroh
verpackte Seeungetüm quer über ſein Maultier gelegt.
Herr Spazzo war hochmütig herübergeritten, demütig ritt
10 Rudimann hinüber. Er ſprach leiſe und ſchüchtern, wie
er nach der Herzogin fragte. „Sie iſt im Garten“, hieß es.
„Und mein frommer Mitbruder Ekkehard?“ frug der
Kellermeiſter.
„Der hat den wunden Cappan in ſeine Hütte am
15 Hohenſtoffeln geleitet und pflegt ihn, er kommt vor Nacht
nicht heim.“
„Das tut mir leid“, ſprach Rudimann. Höhniſch ver—
zog er ſeine Lippen. Er ließ den Lachs auspacken und auf
die Granitplatte des Tiſches im Hofe legen; die Linde
20 warf ihren Schatten drüber, die Schuppen des Seegewal⸗
tigen glänzten, es war, als ob ſein kühles Auge noch Leben
hätte und ſchmerzlich ſtumm vom Berggipfel nach den
blauen Wogen drüben ſchaute. Der Fiſch war über eines
Mannes Länge; Praxedis hatte einen hellen Schrei ge—
25 tan, wie die Strohhülle von ihm genommen ward. „Er
kommt vor Nacht nicht heim!“ murmelte Rudimann und
brach einen ſtarken Lindenzweig und ſperrte mit ein—
geſchobenem Holze dem Lachs den Rachen, daß er weit
aufgeriſſen hinausgähnte. Mit grünem Lindenblatt ver—
z0 zierte er das Fiſchmaul, dann griff er in ſeinen Buſen,
dort trug er die Pergamentblätter von Gunzos Schmäh—
ſchrift, er rollte ſie ſäuberlich zuſammen und ſchob ſie in
den offenen Rachen. Neugierig ſah ihm Praxedis zu;
das war ihr noch nicht vorgekommen.
356 Zetzt nahte die Herzogin. Demütig ging ihr Rudi⸗
mann entgegen, er bat um Nachſicht für die Kloſterleute,
es tue dem Abt leid, er ſprach mit Anerkennung von dem
Verwundeten, mit Zweifel vom Wetterzauber, mit Er⸗
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