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19. Burkard, der Kloſterſchüler. 321
Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte, lag
er am Fuß des hunniſchen Grabhügels. Auf der Wieſe
ſah er ſeinen Reitersmantel liegen, ſein ſchwarzes Röß—
lein Falada erging ſich fern am Waldesſaum, der Sattel
5 hing unten am Bauch, die Zügel waren zerriſſen; es fraß
die jungen Wieſenblumen. Langſam wandte der ſchlaf—
müde Mann ſein Haupt und ſchaute ſich gähnend um.
Der Kloſterturm der Reichenau ſpiegelte ſich ſo ruhig und
fern im See, als wenn nichts geſchehen wäre. Er aber
i0o riß einen Büſchel Gras aus und hielt die tauigen Halme
an die Stirn. „Vince luna!“ ſprach er mit bitterſüßem
Lächeln. Er hatte ſchwer Kopfweh.
Neunzehntes Kapitel.
Burkard, der Kloſterſchüler.
16s Rudimann, der Kellermeiſter, war kein falſcher Rech—
ner. Eine Rolle Pergament in einem Lachsrachen muß
Neugier erregen. Während Herr Spazzo den Reichenauer
Kloſterwein getrunken, war ſeine Gebieterin mit Praxe-
dis im ſtillen Cloſet an Entzifferung der Gunzoſchen
20 Schrift geſeſſen; die Schülerinnen Ekkehards hatten des
Lateiniſchen genug gelernt, um die Hauptſachen zu ver—
ſtehen; was grammatiſch unklar blieb, errieten ſie, was
nicht zu erraten war, ſetzten ſie nach eigenem Gutdünken
zuſammen.
25 Praxedis war empört: „Iſt denn die Nation der Ge-
lehrten überall wie in Byzanzium?“ ſprach ſie. „Erſt die
Mücke zum Elefanten gemacht und dann einen Feldzug
gegen das ſelbſtgeſchaffene Ungetüm begonnen! Das
Reichenauer Geſchenk ſchmeckt eſſigſauer.“— Sie verzog
z0 den lieblichen Mund wie damals, da ſie Wiborads Holz-
äpfel koſten mußte.
Frau Hadwig war ſonderbar bewegt. Ein unheimlich
Gefühl ſagte ihr, daß in Gunzos Blättern ein Geiſt ſein
Weſen treibe, der nicht vom Guten, aber ſie gönnte Ekke—
35 hard die Demütigung.
Scheffel. III. 21
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