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322 Ekkehard.
„Ich glaube, er hat die Zurechtweiſung verdient“,
ſprach ſie.
Da ſprang Praxedis auf: „Unſer braver Lehrer ver⸗
dient manche Zurechtweiſung“, rief ſie, „aber das ſollte
unſere Sache ſein. Wenn wir ihm ſeine blöde Schwer⸗
fälligkeit wegſchulmeiſtern, tun wir ein gutes Werk. Aber
wenn einer mit dem Balken im Aug' dem andern den
Splitter vorwirft, das iſt zu arg. Die böſen Mönche haben
das nur angebracht, um ihn anzuſchwärzen. Darf ich's
zum Fenſter hinauswerfen, gnädige Herrin?“
„Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch
um Werfung eines Gaſtgeſchenks zum Fenſter hinaus er-
ſucht“, ſprach die Herzogin bitter. Praxedis ſchwieg.
Die Herzogin konnte ſich von der eleganten Schmäh—
ſchrift lange nicht trennen. Ihre Gedanken waren dem
blonden Mönch nicht mehr zugewendet wie damals, als
er ſie über den Hof des heimiſchen Kloſters trug. Im
Augenblick überſchwenglichen Gefühls nicht verſtanden
werden, iſt gleich der Verſchmähung, der Stachel weicht
nicht wieder. Wenn ſie ihn jetzt erſchaute, pochte das Herz
nicht in höherem Schlag; oft war's Mitleid, was ihre Blicke
ihm noch zuführte, aber nicht jenes ſüße Mitleid, aus dem
die Liebe aufſprießt wie aus kühlem Grunde die Lilie —
es barg einen böſen Keim von Geringſchätzung in ſich.
Durch Gunzos Schmähſchrift ward auch das Wiſſen,
das die Frauen ſeither hoch an ihm gehalten, in Staub
gezogen, was blieb noch Gutes? Das ſtille Weben und
Träumen ſeiner Seele verſtand die Herzogin nicht, zarte
Scheu iſt in anderer Augen Torheit. Daß er in der Frühe
ausgegangen, das hohe Lied zu leſen, n war zu ſpät; er
hätte das im vorigen Herbſt tun ſollen.
Der Abend dunkelte.
„Iſt Ekkehard heimgekehrt?“ fragte die Herzogin.
„Nein“, ſprach Praxedis, „Herr Spazzo auch nicht.“
„Dann nimm den Leuchter“, befahl Frau Hadwig,
„und trage die Pergamentblätter auf Ekkehards Turm⸗-
ſtube. Er darf nicht ununterrichtet bleiben von ſeiner
Mitbrüder Werken.“
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