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19. Burkard, der Kloſterſchüler. 323
Die Griechin gehorchte, aber unfroh. In der Turm—
ſtube droben war ſchwüle Hitze. Ungeordnet lagen Bücher
und Gerätſchaften umher. Auf dem Eichentiſch war das
Evangelium des Matthäus aufgeſchlagen: „Am Geburts-
feſt des Herodes aber tanzte der Herodias Tochter vor
der Geſellſchaft, und ſie gefiel dem Herodes, daß er ihr
mit einem Eidſchwur verhieß zu geben, um was ſie bitten
wollte, und ſie ſprach: ‚Gib mir auf einer Schüſſel den
Kopf Fohannes des Täufers!“.
Die prieſterliche Stola, Ekkehards Weihnachtsgeſchenk
von der Herzogin, lag daneben, die goldgewirkten Fran—
ſen hingen über das Fläſchlein mit Fordanwaſſer, das
ihm der alte Thieto einſt mitgegeben.
Da ſchob Praxedis alles zurück und legte Gunzos
Epiſtel auf den Tiſch; es tat ihr leid, wie ſie alles geord⸗
net. Beim Fortgehen wandte ſie ſich, tat das Fenſter
auf, riß ein Zweiglein von dem üppig am Turm ſich
emporſchlingenden Efeugerank und warf's drüber hin.
Ekkehard war ſpät heimgekommen. Er hatte den wun⸗
den Cappan gepflegt; noch größere Arbeit war es ihm,
des Hunnen langes Ehegemahl zu tröſten. Nachdem das
erſte Wehgeheul verſtummt und ihre Tränen getrocknet,
war bis nach Sonnenuntergang ihre Rede nur ein ein—
ziger großer Fluch auf den Kloſtermeier, und wenn ſie
ihren ſtarken Arm gen Himmel hob und von Augaus—
kratzen und Bilſenkraut in die Ohren gießen und Zähne-
einſchlagen ſprach, und ihre braunen Zöpfe wildbedrohlich
im Winde flatterten, ſo bedurfte es eindringlichen Zu—
ſpruchs, ſie zu beruhigen. Doch war's gelungen.
In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter, die
ihm die Griechin in ſeine Stube gelegt. Seine Hand
ſpielte mit einer wilden Roſe, die er heimgehend im
Tannenwald gepflückt, während ſein Auge die gehar—
niſchten Angriffe des welſchen Gelehrten aufnahm.
Woher mag es kommen, dachte er und ſog den Duft
der Blume ein, daß ſo vieles der Tinte Entſproſſenes ſeinen
Urſprung nicht verleugnen kann? Alle Tinte kommt vom
Gallapfel und aller Gallapfel vom böſen Weſpenſtich...
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