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19. Burkard, der Kloſterſchüler. 331
überzeugen, daß ein Zögling der inneren Schule vor ihr
ſteht.“ L
Jetzt trat die Herzogin ein, gefolgt von Praxedis. Sie
grüßte mit leichtem Kopfnicken. Ohne daß ſie Ekkehards
hoffnungsvollen Neffen zu bemerken ſchien, ließ ſie ſich
im ſchnitzwerkverzierten Lehnſtuhl nieder. Burkard hatte
ſich zierlich verneigt und ſtand am Ende des Tiſches.
Ekkehard ſchlug den Virgilius auf. Da fragte die Her—
zogin gleichgültigen Tones: „Was ſoll der Knab'?“
„Ein demütiger Zuhörer“, ſprach Ekkehard, „dem die
Sehnſucht, das Griechiſche zu erlernen, Mut gibt, ſo er—
lauchter Lehrerin ſich zu nahen. Er wird glücklich ſein,
wenn er von Eueren Lippen .“
Aber bevor Ekkehard ſeine Rede geendet, war Burkard
vor die Herzogin getreten, befangen und keck zugleich ſprach
er mit niedergeſchlagenen Augen und genauer Betonung
des Silbenmaßes:
„Esse velim Graecus, cum vizx sim, dom'na, Latinus²231.“
Es war ein tadelloſer Hexameter.
Frau Hadwig hörte ihm halb erſtaunt zu. Ein braun—
lockiger Knabe, der einen Hexameter ſprach, war in ale-
manniſchen Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte
ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Steg-
reif erſonnen. Darum ergötzte ſie ſich an dem jungen
Verſeſchmied.
„Laß dich einmal näher beſchauen“, ſprach ſie und zog
ihn zu ſich. Er gefiel ihr; es war ein lieblich Knabenantlitz,
durchſichtig Rot auf den Wangen, ſo fein und zart, daß
das blaue Geäder in leichtem Umriß drunter zu erſchauen
war, üppig wallten die Locken um die Stirn, eine kecke
Adlernaſe ragte über den gelehrten jungen Lippen wie
ein Hohn auf das, was unter ihr geſprochen werde, in die
Luft. Da ſchlang Frau Hadwig ihren Arm um den Kna—
ben, hob ihn empor und küßte ihn auf Lippe und Wange
und tat ſchier kindiſch mit ihm; dann ſchob ſie den gepol—
ſterten Schemel hart an ihre Seite und ſetzte ihn drauf:
a Der ich kaum ein Lateiner bin, ein Grieche möcht' ich werden.
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