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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0333
332 Ekkehard.

„Einſtweilen ſollſt du von meinen Lippen etwas anderes
pflücken als Griechiſch“, ſprach ſie ſcherzend und küßte ihn
noch einmal, — „jetzt ſei aber ſo brav wie vorhin und ſag'
ſchnell noch ein paar leichthingleitende Verſe.“
Sie ſtrich ihm die Locken zurück. Der Kloſterſchüler
war errötet, aber ſeine Metrik kam durch einer Herzogin
Kuß nicht aus der Faſſung. Ekkehard war ans Fenſter
getreten und ſchaute nach den Alpen, Burkard aber ſprach,
ohne ſich zu beſinnen:
„Non possum prorsus dignos componere versus,
Nam nimis expavi duce me libante suavia“.“

Es waren wiederum zwei tadelloſe Hexameter.
Die Herzogin lachte laut auf: „Du haſt ſicher ſchon
das Licht der Welt mit lateiniſchem Vers begrüßt; das
klingt und ſtrömt ja, als wäre Virgil aus dem Grabe ge—
ſtiegen. Warum erſchrickſt du denn, wenn ich dich küſſe?“
„Weil Ihr ſo vornehm und ſtolz und ſchön ſeid“, ſprach
der Knabe. L
„Sei zufrieden“, entgegnete die Herzogin, „wer mit
friſch glühendem Kuß auf den Lippen ſo regelrechte Verſe
aus dem AÄArmel ſchüttelt, dem hat der Schreck nicht tief
ins Herz geſchlagen.“ Sie ſtellte ihn ſich gegenüber.
„Warum begehrſt du ſo eifrig, das Griechiſche zu erlernen?“
„Sie ſagen, wenn einer Griechiſch verſteht, kann er ſo
geſcheit werden, daß er das Gras wachſen hört“, war des
Kloſterſchülers Antwort. „Seit mein älterer Mitſchüler
Notker mit der großen Lippe ſich gerühmt hat, er wolle
dereinſt den ganzen Ariſtoteles auswendig lernen und ver⸗
deutſchen, läßt mir's keine Ruhe mehr.“
Da lachte Frau Hadwig: „Vorwärts denn! Weißt du
den Antiphon: Ihr Meere und Flüſſe, lobet den Herren!“
„Ja“, erwiderte Burkard.
„So ſprich mir nach: ‚Thalassi ke potami, eulogite
ton kyrion!“ Der Knabe ſprach's nach.
„Jetzt ſing' es!“ Er ſang es.

a Ich finde keinen Vers mehr, es ſtockt der Rede Fluß,
Zu tief hat mich erſchreckt der Herrin ſüßer Kuß.

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