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20. Von deutſcher Heldenſage. 339

eine Kloſterſchulſchwelle geſetzt!...“ ſprach ſie, verſtrickte
ihn ſchnell in ihre weißen Arme und küßte ihn derb auf
die Naſe.
„Wohl bekomm's!“ rief eine tiefe Baßſtimme von der
Gartenpforte her, wie ſie den Knaben ſchalkhaft von ſich
ſtieß. Es war Herr Spazzo.
„Schönen Dank!“ ſprach Praxedis unbetrübt. „Ihr
kommt gerade recht, Herr Kämmerer, um bei Aufrichtung
des Zelttuchs zu helfen. Mit dem törichten Knaben bring'
ich's heut nicht mehr zuſtand.“
„So ſcheint es!“ ſprach Herr Spazzo mit einem drei⸗—
ſchneidigen Blick auf den Kloſterſchüler. Der hatte Angſt
vor des Kämmerers grimm geſtrichenem Schnurrbart und
drehte ſich einem Roſengebüſch zu. Aſtronomie und Me—
trik, Ariſtoteles in der Urſprache und rote Frauenlippen
ſchwebten in tanzendem Durcheinander durch das fünf—
zehnjährige Gemüt.
„Gibt's keine beſſeren Leute zu küſſen im Hohentwie—
ler Burgfrieden, Fungfräulein?“ fragte Herr Spazzo.
„Wenn man je eine Sehnſucht hätte“, war Praxedis'
Antwort, „ſo ſind die beſſeren Leute ausgeritten und fah—
ren in Nacht und Nebel herum und kommen erſt am hellen
Tag in einem Ausſehen wieder heim, daß man meinen
könnt', ſie hätten Frrlichter einfangen wollen.“
Da hatte Herr Spazzo ſeinen Teil. Er hatte aber ein
Gelübde getan, von ſeinem nächtlichen Ritt ſamt Kuckucks—
ruf und „Vince luna“ kein Wörtlein zu verplaudern.
„Wozu ſoll ich Euch helfen?“ fragte er demütig.
„Eine Laube herrichten!“ ſprach Praxedis. „In abend-

licher Sommerkühle will die Herzogin hier Hof halten —

es ſollen Geſchichten erzählt werden, alte Geſchichten, Herr
Kämmerer, je wunderbarer deſto beſſer! Unſere Herrin
hat das Lateiniſche ſatt bekommen, ſie will was anderes,

VUngeſchriebenes, Einheimiſches.. . Ihr müßt auch Euer

Scherflein beitragen.“
„Gott ſei meiner Seele gnädig!“ ſprach Herr Spazzo,
„wenn unter einer Frauen Herrſchaftsführung nicht alles

wunderbar herginge, ſo moͤcht man ſich noch verwundern.
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