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20. Von deutſcher Helbenſage. 353
mir, nun hege ich Tag und Nacht Sorgen und habe keine
Ruh', bis meine Augen den tugendſamen Mann erſchaut.
Der möcht' einen ſchönen Botenlohn verdienen, der mir
den Helden zur Kammer führen wollt'.“
„Herlindis aber lachte und ſprach: „Den Botengang
will ich in Treuen tun, ich geh' zu ſeiner Herberg'.“ Und
die Vielſchlaue legte ihr zierlichſtes Gewand an und ging
zu dem Herrn Dietrich. Der empfing ſie frömmiglich und
ſie ſetzte ſich viel nahe zu ihm und ſprach ihm ins Ohr:
„Meine Herrin, des Kaiſers Tochter, entbeut dir viel holde
Minne; ſie iſt der Freundſchaft zu dir untertan, du ſollſt
dich aufmachen und hingehen zu ihr.“
„Aber Dietrich ſprach: „Frau, du ſündigeſt dich. Ich
bin in andern Tagen zu mancher Kemenate gegangen,
da es wohl ſein mocht', was ſpotteſt du itzt des heimat-
loſen Mannes? An des Kaiſers Hofe iſt edler Herzoge
und Fürſten eine große Zahl: nie gedachte deine Frau
der Rede.“
„End als Herlindis ihm minniglich zuredete, ſagte Herr
Dietrich: „Hier ſind der Merker ſo viele; wer ſeine Ehr'
behalten will, muß wohlgezogen tun; Konſtantinus möcht'
mir das Reich verbieten. Darum wär' es mißhellig, ſo
ich deine Frau ſehen wollte. Vermelde ihr das, ſo ſehr
ich ihr zu dienen begehre.“
„Herlindis wollte von dannen gehen, da hieß der Kö⸗
nig ſeine Goldſchmiede zwei Schuhe gießen von Silber
und zwei von Golde, und ſchenkte ihr von jedem Paar
einen, dazu einen Mantel und zwölf güldene Spangen,
denn er war artigen Gemütes und wußte, daß man einer
Fürſtin Kammerfrau, die in Sachen der Minne Boten—
gang tut, wohl ehren ſoll.“
Jq Prayedis hielt eine Weile an, denn Herr Spazzo,
der ſeit einiger Zeit mit ſeines Schwertes Scheide viel
großnaſige Geſichter in den Sand gezeichnet, hatte ein
vernehmlich Räuſpern erhoben. Da er aber keine weitere
Einſprache tat, fuhr ſie fort: G
„.. Und Herlindis ſprang fröhlich heim und ſprach
zu Hauſe zu ihrer Herrin: „Hart und fleißig pflegt der
Scheffel. III. 2³
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