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358 Etkehard.
Harfe und ſchlich hinter den Umhang und ließ die Saiten
erklingen: er griff die Singweiſe, die er einſt gegriffen
am Meeresſtrand. Lupolt hatte den Becher erhoben, da
entſank er ſeiner Hand, daß er den Wein niedergoß auf
den LTiſch, und einer, der das Brot ſchnitt, ließ ſein Meſſer 5
fallen und alle horchten ſtaunend: voller und heller er—
klang ihres Königs Singweiſe. Da ſprang Lupolt über
den Tiſch und alle Grafen und Ritter ihm nach, als wär'
ein Hauch alter Kraft plötzlich über ſie gekommen, und
ſie riſſen den Umhang nieder und küßten den Harfner 10
und knieten vor ihm und des Zubels war kein Ende.
„Da wußte die Jungfrau, daß er treu und wahrhaft
der König Rother von Wikingland war und tat einen
lauten Freudenruf, daß Konſtantinus, ihr VBater, herzu—
gelaufen kam — er mochte wollen oder nicht, ſo mußte 15
er ſie zuſammengeben, und die Geſandten ſtiegen nimmer⸗
mehr in ihren Kerker, und Rother hieß nimmermehr Diet-
rich und küßte ſeine Braut und fuhr mit ihr heim übers
Meer und war ein glückſeliger Mann und hielt ſie hoch
in Ehren, und wenn ſie in Minne beiſammen ſaßen, 20
ſprachen ſie: ‚Gelobt ſei Gott und Mannesmut und kluger
Kammerfrauen Liſt!“
„Das iſt die Mär vom König Rother?n!“
... Praxedis hatte lang' erzählt.
„Wir ſind wohl zufrieden“, ſprach die Herzogin, „und 25
ob der Schmied Weland den Preis davontragen wird,
ſcheint uns nach König Rothers Geſchichte ein weniges
zweifelhaft.“
Herr Spazzo ward drob nicht böſe. „Die Kammer-
frauen in Konſtantinopel ſcheinen die Feinheit mit Löffeln 2.
gegeſſen zu haben“, ſprach er. „Aber ſollt' ich auch beſiegt
ſein, der letzte hat noch nicht geſungen.“
Er ſah auf Ekkehard hinüber. Aber der ſaß wie ein
Traumbild in ſich verſunken. Er hatte vom König Rother
wenig vernommen, der Herzogin Stirnband mit der Roſe 35
war das Ziel ſeiner Augen geweſen, dieweil Praxedis
erzählte.
„.. UÜhbrigens glaub' ich die Geſchichte kaum“, fuhr
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