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21. Verſtoßung und Flucht. 361
Einundzwanzigſtes Kapitel.
Verſtoßung und Flucht.
Ekkehard war noch lang' in der Gartenlaube geſeſſen,
dann war er hinausgerannt in die Nacht. Er wußte nicht,
5 wohin der Gang gehen ſollte. Des Morgens fand er ſich auf
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dem Fels Hohenkrähen, der ragte in ſtiller Einſamkeit ſeit
der Waldfrau Abzug. Die Trümmer des ausgebrannten
Hauſes lagen verwirrt übereinander; wo einſt die Wohn-
ſtube, ſtand noch der Römerſtein mit dem Mithras, Farren-
kraut und Riedgras war darübergerankt, eine Blindſchleiche
lief zungelnd an dem wettergedunkelten Götterbild hinauf.
Ekkehard fuhr in hellem Hohn zuſammen: „Die Ka—
pelle der heiligen Hadwig!“ rief er und ſchlug ſich mit der
Fauſt an die Bruſt, „ſo muß ſie ſein!“ Er ſtieß den Römer⸗
ſtein um und ſtieg auf die Felskuppe; dort warf er ſich
nieder und preßte die Stirn ins kühle Erdreich, das einſt
Frau Hadwigs Fuß berührt. Lange blieb er dort; als
die Sonne in der Mittagshöhe herunterbrannte, lag er
noch oben und — ſchlief.
Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück, heiß,
verſtört, unſicheren Ganges. Grashalme hafteten wirr
in dem härenen Geweb' ſeiner Kutte. Die Leute der Burg
wichen ſcheu vor ihm zurück, wie vor einem, dem des Un—
glücks Finger ein Zeichen auf die Stirn geſchrieben. Sonſt
pflegten ſie ihm entgegenzugehen und baten um ſeinen
Segen.
Die Herzogin hatte ſein Fortſein wahrgenommen, aber
nicht nach ihm gefragt. Er ging in ſeine Turmſtube hinauf;
er griff ein Pergament, als ob er leſen wolle. Es war
Gunzos Schrift wider ihn. „Gern würde ich Euch er—
mahnen, ihm die Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu
laſſen, aber ich fürchte, ſeine Krankheit iſt zu tief ein⸗
gewurzelt“, las er drin. Er lachte. Die gewölbte Decke
gab einen Widerhall, da ſprang er auf, als wollt' er er—
ſpähen, wer gelacht. Dann trat er ans Fenſter und ſchaute
in die Tiefe; es ging weit, weit hinab. Ein Schwindel
wollte ihn faſſen, da wich er zurück.
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