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362 Ekkehard.
Des alten Thieto Fläſchlein ſtand bei den Büchern, das
machte ihn wehmütig. Er gedachte des Blinden. Frauen-
dienſt iſt ein ſchlimm Ding für den, der gerecht bleiben will,
hatte der einſt zu ihm geſprochen, wie er Abſchied nahm.
Er riß das Siegel von dem Fläſchlein und goß ſich
das Fordanwaſſer übers Haupt und netzte die Augen. Es
war zu ſpät. Auch die Flut heiliger Ströme löſcht die
Glut des Herzens nicht; nur dem, der ſich hinunterſtürzt,
um nimmer aufzutauchen... Doch kam ein Anflug von
Ruhe über ihn. „Ich will beten!“ ſprach er, „es iſt eine
Verſuchung.“ Er warf ſich auf die Knie, aber bald war's
ihm, als ſchwirrten die Tauben um ſein Haupt, wie da—
mals, als er zuerſt die Turmſtube betrat, aber ſie hatten
itzt grinſende Geſichter und einen höhniſchen Zug um die
Schnäbel.
Er ſtand auf und ging langſam die Wendeltreppe hin-
unter zur Burgkapelle. Der Altar drunten war Zeuge
frommer Andacht an manchem guten Tag. In der Ka—
pelle war's wie ehedem, dunkel und ſtill. Sechs ſchwere
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Säulen mit würfelförmigem laubwerkverziertem Knauf 20
trugen die niedere Wölbung; ein feiner Streif Tageslicht
fiel durchs ſchmale Fenſter herein. Die Tiefe der Niſche,
wo der Altar ſtund, war ſchwach erleuchtet; nur der Gold⸗
grund um das Moſaikbild des Erlöſers glänzte in mattem
Flimmern. Griechiſche Künſtler hatten die Formen ihrer
Kirchenausſchmückung einſt auf den deutſchen Fels ge—
tragen: in weißem wallendem Gewand, goldroten Schein
ums Haupt, hob ſich des Heilands hagere Geſtalt, die
Finger der Rechten ſegnend ausgeſtreckt.
Ekkehard neigte ſich vor den Stufen des Altars; ſeine
Stirn ruhte auf den Steinplatten — ſo blieb er, in ſich
verſunken. „Der du die Leiden der Welt auf dich ge—
nommen, laß ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich
Unwürdigen!“ Er hob den Blick und ſchaute ſtarr hinauf,
als müſſe das ernſte Gebild' aus der Wand niederſteigen
und ihm die Hand reichen. „Ich liege vor dir, wie Petrus
vom Seeſturm umbrauſt, die Wellen tragen mich nicht,
Herr, rette mich! Rette mich wie jenen, da du über die
R.
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