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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0367
366 Ekkehard.

Ekkehard, der hat den Kaiſer Ermanrich erſchlagen, da er
die Harlungen aufhing, und dann iſt er mit ſeinem weißen
Stab vor Frau Venus Berg geſeſſen, viel hundert Fahr
und hat gemeint, er wolle bis zum Füngſten Tag die Leute
warnen, die zum Berg wallenus; aber hernachmals iſt/s
ihm langweilig worden, und er ging durch und ward ein
Mönch in Sankt Gallen und fiel ſich zu Tode, und jetzt
ſitzt er bei einer blaſſen Frau und lieſt Virgil, und es klingt
mitternächtig durchs Hegau: „Den unſäglichen Schmerz
zu erneuen, gebeutſt du, o Königin, mir!“ und ſie muß ihn
küſſen, ob ſie will oder nicht — der Tod holt nach, was das
Leben verſäumt!““
Er hatte geſprochen mit irrem Blick. Fetzt brach er
zuſammen in leiſem Weinen. Frau Hadwig war unbe—
wegt geſtanden, es war, als ob ein Flimmer von Mitleid
ihr kaltes Aug' durchleuchte, ſie beugte ſich nieder.
„Ekkehard!“ ſprach ſie, „Ihr ſollt nicht vom Tod ſpre—
chen. Das iſt Wahnſinn. Wir leben, Ihr und ich...“
Er bewegte ſich nicht. Da legte ſich ihre Hand leicht
über das fieberheiße Haupt. Es ſtrömte und flutete durch
ſein Gehirn. Er ſprang auf.
„Ihr habt recht!“ rief er, „wir leben. Ihr und ich!“
Tanzende Nacht legte ſich um ſeinen Blick; er tat einen
Schritt vor, ſeine Arme ſchlangen ſich um das ſtolze
Frauenbild, wütend preßte er ſie an ſich, ſein Kuß flammte
auf ihre Lippen, ungehört verklang der Widerſpruch.
Er hob ſie hoch gegen den Altar, als wäre ſie ein
Weihgeſchenk, das er darbringen wollte: „Was hältſt du
die goldglänzenden Finger ſo ruhig und ſegneſt uns nicht?“
rief er zum düſter ernſten Moſaikbild hinauf...
Die Herzogin war zuſammengeſchrocken wie ein wun—
des Reh; — ein Augenblick, da ballte und bäumte ſich
alles in ihr von gekränktem Stolz; ſie ſtieß den Raſenden
mit ſtarker Hand vor die Stirn und entſtrickte ſich ſeinem
Arm.
Noch hielt er ihre Hüfte umſchlungen, da tat ſich die
Pforte der Kirche auf; ein greller Strahl Tageslicht drang
ins Düſter — ſie waren nicht mehr allein.

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