Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0368
5

10

1⁵

35

21. Verſtoßung und Flucht. 367

Rudimann, der Kellermeiſter von Reichenau, trat über
die Schwelle, Geſtalten erſchienen im Grunde des Burghofs.
Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn, eine
Flechte ihres dunkeln Haupthaars wallte aufgelöſt uber
den Nacken.
„Entſchuldigt“, ſprach der Mann von Reichenau mit
grinſend höflichem Ausdruck, „meine Augen haben nichts
geſchaut!“
Da rang Frau Hadwig ſich von Ekkehard los. „Doch —
und doch — und doch! Einen Wahnſinnigen habt Ihr ge⸗
ſchaut, der ſich und Gott vergeſſen... Es wär' mir leid
um Eure Augen, ich müßte ſie ausſtechen laſſen, wenn
ſie nichts erſchaut...“
Es war eine unſäglich kalte Hoheit, mit der ſie's dem
Betroffenen entgegenrief.
Da erklärte ſich Rudimann den ſeltſamen Vorgang.
„Ich habe vergeſſen“, ſprach er mit Hohn, „daß dort
einer von denen ſteht, auf die weiſe Männer das Wort
des heiligen Hieronymus gezogen: ‚Ihr Gebaren ziemt
ſich mehr für einen Stutzer und Bräutigam denn für einen
Geweihten des Herrn.““
Ekkehard ſtand an eine Säule gelehnt, die Arme in
die Luft erhoben wie Odyſſeus, da er den Schatten ſeiner
Mutter umfahen wollte; Rudimanns Wort riß ihn aus
dem Fiebertraum. „Wer tritt zwiſchen mich und ſie?“
rief er drohend. Aber Rudimann klopfte ihm mit unver-
ſchämter Vertraulichkeit auf die Schulter: „Beruhigt Euch,
guter Freund, wir haben nur ein Brieflein an Euch abzu—
geben, der heilige Gallus kann ſeinen weiſeſten Schüler
nicht länger draußen laſſen in der wankenden, ſchwanken-
den Welt, Ihr ſeid heimgerufen! — Vergeßt den Stock
nicht, mit dem Ihr die Mitbrüder mißhandelt, die im
Herbſt gern einen Kuß pflücken, keuſcher Sittenrichter!“
flüſterte er ihm ins Ohr.
Ekkehard trat zurück. Sehnſucht, Wut der Trennung,
glühend Verlangen und daraufgegoſſener Hohn ſtürmten
in ihm; er rannte auf Frau Hadwig, aber ſchon füllte ſich
die Kapelle. Der Abt von Reichenau war ſelber gekom-


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0368