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370 Ektehard.
chriſt, den Vorſpann am Wagen des Satan, den Ihr da
oben gehegt und geheckt, als wär' er der herzliebe Sohn Ben⸗
jamin? Heut? fraget einmal nach Monatfriſt drüben an.“
Er deutete nach den helvetiſchen Bergen. Praxedis
erſchrak. „Was wollet Ihr mit ihm anfangen?“
„Was recht iſt“, ſprach Rudimann mit finſterm Blicke.
„Buhlerei, Gewalttat, Ungehorſam, Hochmut, Kirchen—
ſchändung, Läſterung Gottes: es gibt der Namen nicht
genug für ſeine Frevel, aber Mittel zur Sühnung, Gott
ſei es gedankt, gibt es!“
Er fuhr mit dem Arm aus wie zu einem Streich.
„. jawohl, Mittel zur Sühnung, wonneſame Jung—
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frau! Wir werden ihm einen Denkzettel aufs Fell ſchreiben.“
„Habt Mitleid“, ſprach Praxedis, „er iſt ein kranker
Mann.“ L
„Gerade deswegen heilen wir ihn. Wenn er erſt an
die Säule gebunden, den Rücken krümmt und ein halb
Dutzend Ruten drauf zerſchlagen ſind, das treibt Grillen
und Teufelswerk aus dem Kopf ...“
„Um Gottes willen!“ jammerte die Griechin.
„Beruhigt Euch, es kommt noch beſſer. Ein entlaufen
Schaf gehört in ſeinen Stall geliefert, dort ſind gute Hir⸗
ten, die beſorgen das Weitere: Schafſchur, Jungfräulein,
Schafſchur! Dort ſchneiden ſie ihm die Haare ab, das
ſchafft dem Haupte Kühlung, und wenn Ihr einmal in
Jahresfriſt zum heiligen Gallus wallfahren wollt, ſo
wird ſonn- und feiertags einer mit bloßen Füßen vor der
Kirchentür ſtehen und ſein Kopf wird kahl ſein wie ein
Stoppelfeld und das Bußgewand wird ihn zierlich klei⸗
den. Was meint Ihr? Die Heidenwirtſchaft mit dem
Virgilius hat ein Ende.“
„Er iſt unſchuldig“, ſagte Praxedis.
„O“, ſprach der Kellermeiſter ſpöttiſch, „der Unſchuld
krümmen wir kein Haar. Er braucht ſie nur durchs Got—
tesurteil zu beweiſen; wenn er mit heilem Arm den gol⸗
denen Ring aus dem Keſſel mit ſiedendem Waſſer heraus⸗
fängt, gibt ihm unſer Abt ſelber den Segen und ich werd'
ſagen, es war nur Nebelbild und Teufelsſpuk, daß meine
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