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21. Verſtoßung und Flucht. 371
Augen in der Kapelle ſeine Heiligkeit den Bruder Ekke—
hard ſahen, wie er Eure Herrin umfangen hielt.“
Praxedis weinte. „Lieber, ehrwürdiger Herr Keller—
meiſter..“, ſprach ſie bittend. Er ſenkte einen ſchiefen
Blick auf ſie, der blieb an der Griechin Buſen haften.
„So iſt es!“ ſagte er mit gekniffenen Lippen. „Ich
wollte übrigens eine Fürbitte beim Abt einlegen, wenn...“
„Wenn?“ fragte Praxedis geſpannt.
„Wenn Ihr heut abend geruhen wolltet, Eure Kam—
mer nicht zu verſchließen, daß ich Euch Bericht bringen
kann vom Erfolg.“
Er zog wie ſpielend die großen Falten ſeiner Kutte zu⸗
ſammen, daß die geſchnürten Hüften hervortraten*“, und
nahm eine ſelbſtgefällige erwartende Haltung an. Praxe-
dis trat zurück. Ihr Fuß ſtampfte die blaue Kornblume,
die am Boden lag.
„Ihr ſeid ein ſchlechter Menſch, Herr Kellermeiſter!“
ſprach ſie und drehte ihm den Rücken. Rudimann verſtand
ſich auf Geſichter. Aus dem Zucken von Praxedis' Augen-
lid und den drei bitterböſen Stirnfalten ward ihm klar, daß
ihre Kammer für alle Kellermeiſter der Chriſtenheit jetzt
und immerdar verſchloſſen bleibe.
Sie ging. „Habt Ihr noch etwas zu befehlen?“ ſprach
ſie im Fortgehen.
„Jawohl, griechiſches Inſekt“, antwortete er mit küh—
lem Ton, „einen Krug Eſſig, wenn es gefällig iſt. Ich will
meine Ruten drin einweichen, es ſchreibt ſich dann beſſer
und vernarbt ſchwerer. Ich hab' noch keinen Erklärer des
Virgilius ausgehauen; der verdient ſchon eine beſondere
Ehre.“
Unter der Linde ſaß Burkard, der Kloſterſchüler, und
ſchluchzte noch immer. Praxedis küßte ihn im Vorbei⸗—
gehen. Es geſchah dem Kellermeiſter zuleid.
Sie ging hinauf zur Herzogin und gedachte einen Fuß⸗
fall zu tun und für Ekkehard zu bitten. Aber das Cloſet
blieb verſchloſſen. Frau Hadwig war tief erzürnt; wenn
die Mönche der Reichenau nicht dazu gekommen, hätte ſie
Ekkehards Kühnheit verzeihen mögen, ſie ſelber hatte ja
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