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21. Verſtoßung und Flucht. 373
hohem Steinſtuhl ſaß der Abt und hielt ſeinen Hakenſtab,
als Zeichen, daß Gericht ſei, und ſie laſen eine lange An⸗
klage vor.. Alles in demſelben Burghof, in dem er einſt
jubelnden Herzens aus der Sänfte geſprungen, in dem
er am düſtern Karfreitag die Predigt wider die Hunnen
gehalten, — und die Männer des Gerichts fletſchten die
Zähne wider ihn.
„Was werd' ich tun?“ dachte er weiter. „Die Hand
aufs Herz, den Blick zum Himmel, werd' ich rufen: ‚Ekke⸗
hard iſt ohne Schuld!“ Aber die Richter ſprechen: Probe
es!“ Der große Kupferkeſſel wird vorgeſchleppt, das Feuer
unter ihm angezündet, hoch wallt und ziſcht das Waſſer,
der Abt zieht den güldenen Ring vom Finger, ſie ſtreifen
ihm den Ärmel der Kutte zurück, Bußpſalmen tönen
dumpf dazwiſchen: ‚,Ich beſchwöre dich, Kreatur des Waſ⸗
ſers, daß der Teufel weiche aus dir und du dem Herrn
dieneſt zu Offenbarung der Wahrheit gleich dem Feuerofen
des Königs von Babylon, da er die drei Zünglinge hinein⸗
werfen ließ!“ Alſo beſpricht der Abt die kochende Flut,
und ‚tauch' ein den Arm und ſuche den Ring!' befiehlt
er dem Angeklagten...
„Gerechter Gott, wie wird dein Urteil ſprechen?“
Wilde Zweifel nagten an Ekkehards Gemüt. Er glaubte
an ſich und ſein gutes Recht; minder feſt an die ſchaurigen
Mittel, in denen Prieſterwitz und Geſetzgebung den Wahr⸗
ſpruch der Gottheit zu finden meinten.
Auf der Bücherei ſeines heimiſchen Kloſters lag ein
Büchlein, das die Aufſchrift trug: „Gegen die ordnungs-⸗
widrige Meinung derer, die da glauben, daß durch Feuer
oder Waſſer oder Zweikampf die Wahrheit göttlichen Ge⸗
richtes geoffenbart werde.“ Das Büchlein hatte er einſt
geleſen und wohl behalten; es war der Nachweis, daß bei
all dieſen, uraltem Heidentum entſtammenden Proben,
wie ſpäter der treffliche Gottfried von Straßburg es be—
35 namſte: „Der heilig Chriſt windſchaffen wie ein Ärmel iſt.“
Und wenn kein Wunder geſchieht??
Sein Denken neigte ſich zu kleinmütiger Zagnis. Ver⸗
brannten Armes und ſchuldig geſprochen, den Staupen-
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