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22. Auf dem Wildkirchlein. 383

hochgeſchürzte Maid trug die einfache Leuchte. Er ſprang
auf. Unerſchrocken ſtand ſie vor ihm und ſprach: „Gott
willkommen!“
Es war ein keck halbwildes Weſen von gelblicher Haut-
farbe und ſprühenden Augen, aus den Flechten des dun⸗
kelſchwarzen Haares glänzte eine ſchwere ſilberne Nadel

in Form eines Löffels, der geflochtene Korb auf dem

Rücken und der Alpſtock in der Rechten bezeichnete die

Bewohnerin der Berge.

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„Heiliger Gallus beſchirme mich vor neuer Verſu—
chung!“ dachte Ekkehard, aber ſie rief vergnügt: „Gott
willkommen noch einmal! Der Vater wird recht froh
ſein, daß wir einen neuen Bergbruder haben. Man
merkt's an der wenigen Milch der Kühe, ſagt er immer,
daß der alte Gottſchalk tot iſt.“
Es klang nicht wie die Stimme eines weiblichen Dämon.
Ekkehard war noch ſchlaftrunken. Er gähnte. „Ver⸗
gelt's Gott!“ ſprach die Maid. „Warum vergelt's Gott?“
fragte er.
„Weil Ihr mich ſoeben nicht verſchluckt habt!“ lachte ſie,
und eh' er weiter fragen konnte, woher und wohin, ſprang
ſie mit dem Kienſpan zurück und verſchwand in der Höhle.
Bald kam ſie wieder. Ein graubärtiger Senn, in eine
Decke von Lämmerfell gehüllt, folgte ihr.
„Der Vater will's nicht glauben!“ rief ſie Ekkehard
entgegen.
Bedächtig ſchaute der Hirt auf den fremden Gaſt. Er
war ein rauher Mann, der einſt in grüner Zugendzeit
beim altherkömmlichen Kraftſpiel des Steinſtoßeris den
hundertpfündigen Feldſtein wohl über zwanzig Schritte
weit von ſich geſchleudert, ohne einen Fuß zu verrücken;
ſein gebräuntes Antlitz und ſeine ſehnigen nackten Arme
waren itzt noch Denkzeichen alter ungeſchwächter Kraft.
„Ihr wollt unſer Bergbruder ſein?“ ſprach er gut—
mütig zu Ekkehard und reichte ihm die Hand. „Recht ſo!“
Ekkehard war verlegen ob der wilden Erſcheinung.
„Ich gedachte den Bruder Gottſchalk zu beſuchen“,
erwiderte er.


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