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390 Ektehard.
tiefe vorhüpften: „hinaus aus den Alpen!“ rief's hinter
ihm — alle Adern fieberten, da rannte er fort über den
ſchmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus
in die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch ſtand die zweite
Wolke beim Mond: „Ich kann dir nicht helfen“, ſprach ſie
mit Praxedis' Stimme, „ich weiß den Weg nicht ...“
Er rannte bergab, das Leben war ihm eine Qual, und
doch taſtete er am abſpringenden Boden und ſtemmte den
Speer ein, um nicht hinabzuſtürzen und den heranklettern-
den Spukgeſtalten in die Hände zu fallen.
Der nächtliche Rutſch den Hohentwiel hinab war ein
Kinderſpiel gegen dieſes Klimmen; über ſchwindelnden
Abgrund, der Gefahr unwiſſend, kam er zur Tiefe. Die
Ziegen ſtürzen dort in zerſchmetterndem Fall zu Tale,
wenn ſie die Augen von Gras und Berghang weg zur
halsbrechenden Schlucht wenden.
Jetzt ſtand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der
grüne Seealpſee, vom Mondlicht umzittert. Von den ver⸗
faulten Stämmen am Afer ging ein geſpenſtig Scheinen.
Es ward trüb vor Ekkehards Blick. „Nimm du mich auf!“
rief er, ymein Herz will Ruhe!“
Er rannte hinein in die ſtille glatte Flut, — aber der
Boden wich nicht unter ihm, wohltätig kühlend drang ihm
des Bergſees Friſche durch Mark und Bein.
Schon ſtund er bis an die Bruſt im Waſſer, da hemmte
er ſeinen Schritt. Wirr ſchaute er auf, die weißen Wolken
waren verſchwunden, vom Mond in Duft zerlöſt, traurig
prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten.
In kühn phantaſtiſcher Linie ſchwang die Möglisalp
ihren bis zur höchſten Höhe grasumwachſenen Gipfel
mondaufwärts; ihr zur Linken ruhig und ernſt das durch—
furchte Haupt des alten Mann, zur Rechten aus gedoppel-
tem Eisfeld ſich emportürmend die graue Pyramide des
Säntis, Zacken und Felshörner ringsum wie furchtbare
Schrecken der Nacht. Da knieete Ekkehard auf den Stein-
boden des Sees, daß ihm die Flut über dem Haupt zuſam⸗
menſchlug, dann tauchte er wieder auf und ſtund unbeweg⸗
lich, die Arme hoch erhoben wie ein Beter?s.
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