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23. Auf der Ebenalp. 393

bracht; damals ahnte er nicht, was in der Frauen dunkeln

Augen für herzverzehrende Glut verborgen glimmt, die

alten Pergamente waren ſeine Welt.
Aber eine Geſtalt ſtand ihm ſchon damals feſt ins
Herz geſchrieben, das war der Bruder Konrad von Alzey.
An ihn, den wenig Fahre älteren, hatte Ekkehard die erſte
Neigung junger Freundſchaſft geheftet; ihr Lebensweg
ging auseinand, es war Gras gewachſen über die Tage
von Lorſch, jetzt tauchten ſie ſtrahlend vor der Betrach—
tung auf, gleich dem dunkeln Hügelland der Fläche, wenn
die Morgenſonne ihre Strahlen drauf geworfen.
Es iſt mit des Menſchen Geiſt wie mit der Rinde
der alten Erde; auf den Anſchwemmungen der Kindheit
türmen ſich in ſtürmiſcher Hebung neue Schichten auf,
Fels und Grat und hohe Bergwand, die bis in den Him—
mel zu reichen wähnt, und der Boden, drauf ſie ruht, iſt
mit Trümmern überſchüttet und vergeſſen, — aber wie
die ſtarren Gipfel der Alpen oft ſehnſüchtig zu Tale⸗
ſchauen und ſich heimwehbewältigt hinabſtürzen in die
Tiefe, der ſie entſtiegen, ſo fährt die Erinnerung zurück
in die Fugend und gräbt nach den Schätzen, die ſie un—
beachtet beim tauben Geſtein zurückließ.
getzt flog Ekkehards Denken oftmals zu ſeinem treuen
Geſpan, er ſtund wieder mit ihm, unter der rundbogigen
ſäulengetragenen Vorhalle, er betete mit ihm an den
alten Königsgräbern und am Steinſarg des blinden Her-
zog Thaſſilo, er wandelte mit ihm durch die ſchattigen
Gänge des Kloſtergartens und lauſchte ſeinen Worten,
— und was Konrad damals geſprochen, war hehr und
gut, denn er ſchaute mit dem Aug' eines Dichters in die
Welt, und es war, als müßten Blumen am Wege auf—
ſprießen und die BVögel luſtig begleitend drein ſchmettern,
wenn ſein Mund ſich auftat zu honigſüßer Rede.
„Schau auf, Kind Gottes!“ hatte Konrad einmal
zum jungen Freund geſagt, da ſie von der Warte des
Gartens hinabſchauten ins Land, „dort, wo die weißen
Sanddünen aus dem Feld aufragen, iſt ehemals Fluß
geweſen und Strömung des Neckar: ſo geht die Spur


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