Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0395
394 Ekkehard.

vergangener Menſchengeſchichten durch die Felder der
Nachkommen, und es iſt ſchön, wenn ſie des achthaben.
Und hier am Rhein iſt heiliger Boden, es wäre Zeit,
daß wir das ſammeln, was drauf gewachſen, eh' uns das
leidige Trivium und Quadruvium den Sinn dafür abtötet.“
Und an fröhlichen VBakanztagen war Konrad mit
ihm in den Odenwald gewandert, da rieſelte im grünen
Birkental verſteckt eine Quelle, draus tranken ſie, und
Konrad ſprach: „Neige dein Haupt, hier iſt der Toten—
hain und Hagens Buche und Siegfrieds Bronn, hier ward
dem beſten aller Recken vom grimmen Hagen der Speer
in den Rücken gerannt, daß die Blumen allenthalb von
rotem Blut ertauten, dort auf dem Sedelhof hat Chriem⸗—
hildis um den Erſchlagenen getrauert, bis des Hunnen-
königs Boten kamen, um die junge Witib zu werben“
— und er erzählte ihm all' die alten Mären von der
Königsburg zu Worms und vom Nibelungenſchatz und
von Chriemhildis' Rache, und ſeine Augen ſprühten:
„Schlag' ein!“ rief er dem jungen Freunde zu, „wenn
wir Männer ſind und des Sanges geübt, wollen wir ein
Denkmal ſetzen den Geſchichten am Rhein; es gärt und
brauſt ſchon in mir wie ein gewaltig Lied von Helden—
tapferkeit und Not und Rache und Tod, und die Kunſt

10

15⁵

des hörnen Siegfried, ſich zu feſten und zu feyen, weiß

ich, wenn's auch keine Drachen mehr zu erſchlagen und
kein Blut mehr abzukochen gibt: wer mit heiligem Sinn
die Waldluft ſchlürft und die Stirn mit dem Morgen-—
taue netzt, dem geht das gleiche Verſtändnis auf, er hört,
was die Vögel von den Zweigen ſingen und was der
Sturmwind von alten Mären kündet, und wird ſtark und
feſt, und wenn er das Herz am rechten Fleck hat, ſchreibt
er's nieder zu Nutz und Frommen der anderen.“
Ekkehard aber hatte ſchier furchtſam den fröhlich Über⸗
mütigen angeſchaut und geſagt: „Mir wird ſchier ſchwind-
lig, wenn ich dir zuhöre, wie du ein anderer Homerus
zu werden gedenkſt.“ Und Konrad ſprach lächelnd: „Eine
Flias ſoll keiner ſingen nach Homerus, aber das Lied
der Nibelungen iſt noch nicht geſungen und mein Arm

30⁰

3⁵


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0395