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396 Ekktehard.
auf, wie der Weizen aus den Mumienſärgen Ägypten-
lands.
Daß Ekkehard jetzo freudig jener Erinnerungen pflegte,
war ein Zeichen, daß er ſeither auch ein anderer ge—
worden. L L
Unrnd es war gut ſo. Die Launen der Herzogin und
Praxedis unbefangene Grazie hatten ſein blödes, ſchwer⸗
fällig gründliches Weſen geläutert, die große Zeit, die
er durchlebt, das Sauſen der Hunnenſchlacht hatten
Schwung in ſeine Geſinnung getragen und ihn das Ge—
trieb kleinen Ehrgeizes verachten gelehrt, jetzt trug er
einen großen Schmerz in ſich, der ausgetobt ſein mußte
— ſo war der Kloſtergelehrte trotz Kutte und Tonſur
in der glücklichen Umwandlung zum Dichter begriffen
und ſchritt einher gleich der Schlange, die ſich aus der
alten Umhäutung losgerungen und nur der Gelegenheit
wartet, ihre ganze Hülle wie einen abgetragenen Rock an
der Hecke abzuſtreifen.
Täglich und ſtündlich, wenn er die allezeit ſchönen
Gipfel ſeiner Berge anſchaute und die reine Luft mit
vollen Zügen einſog, kam es ihm mehr als ein Rätſel
vor, daß er ſeines Lebens Glück erſt im Erklären und
Deuten vergilbter Schriften geſucht und hernachmals an
einer ſtolzen Frau ſchier den Verſtand eingebüßt; „laß
ſtürzen, Herz“, ſprach er, „was nicht mehr ſtehen mag, und
bau' dir eine neue Welt, bau' ſie dir tief innen, Juftig,
ſtolz und weit, ſtrömen und verrinnen laß die alte Zeit!“
Er ging wieder vergnügt in ſeiner Klauſe umher,
eines Abends hatte er die Beſperzeit geläutet, da kam
der Senn von der Ebenalp; er trug etwas ſorgſam in
einem Tuch. „Gott grüß, Bergbruder!“ ſprach er, „es
hat Euch ordentlich geſchüttelt, hab' heut was für Euch
aufgeleſen zur Nachkur, aber Eure Backen ſind rot und
Eure Augen fröhlich, da iſt's nimmer nötig.“ Er öffnete
ſein Tuch, es war ein wimmelnder Ameiſenhaufen, alt
und jung, ſamt trockenen Fichtennadeln; er ſchüttelte das
fleißige Völklein die Felswand hinunter.
„Ihr hättet ſonſt heute nacht drauf ſchlafen müſſen“,
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