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25. Auf der Ebenall. 397
ſprach er lachend, „das beizt die letzte Spur von Fieber
hinweg.“
„Es iſt vorbei“, ſprach Ekkehard, „ich dank' Euch für
die Medizin.“
5 „Aber macht Euch warm ein“, ſagte der Senn, „es
ſtreicht eine ſchwarze Wolke über den Brülltobel her und
die Kröten ſchleichen aus den Steinritzen vor, das Wetter
will umſchlagen.“
Am andern Morgen glänzten alle Gipfel in friſchem
10 blendendem Weiß. Es war ein ſtarker Schnee gefallen.
Aber für Winters Anfang war's noch viel zu früh. Die
Sonne ſtieg luſtig drüber auf und peinigte den Schnee
mit ihren Strahlen, daß es ihn ſchier gereute, gefallen
zu ſein. Wie Ekkehard abends beim Kienſpanlicht ſaß,
1s ſchlug ein Krachen und Dröhnen an ſein Ohr, als woll-
ten die Berge einſtürzen. Er fuhr zuſammen und legte
die Hand an die Stirn, ob das Fieber nicht wiederkomme.
Aber es war kein Spuk kranker Einbildung.
Dumpfer Widerhall wälzte ſich genüber durch die
20 Schluchten der Sigelsalp und Maarwieſe, dann klang's
wie ein Zuſammenbrechen mächtiger Baumſtämme und
ſchütternder Fall — und verklang. Aber ein leis klagendes
Brummen tönte die ganze Nacht durch vom Tal herauf.
Ekehard ſchlief nicht. Seit er am Seealpſee herum⸗
25 geirrt, traute er ſich nimmer. In aller Frühe ging er
zur Ebenalp hinauf. Benedicta ſtand vor der Sennhütte
und warf ihm einen Schneeball in die Kutte. Der Senn
lachte, als er ihn ob des nächtlichen Lärms befragte.
„Die Muſik werdet Ihr noch oft hören“, ſprach er,
30 „es iſt eine Lawine zu Tal geſtürzt.“
„Und das Brummen?“
„Wird Euer eigen Schnarchen geweſen ſein.“
„Ich hab' nicht geſchlafen“, ſagte Ekkehard. Da gingen
ſie mit ihm hinunter und horchten. Es war ein fernes
35 Stöhnen im Schnee.
„Sonderbar“, ſprach der Senn, „es iſt was Leben⸗-
diges verſchüttet.“
„Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte“
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