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23. Auf der Ebenalp. 401

Er konnte ſich nicht ſatt ſchauen an all' der Pracht.
Zur Linken ſtund in ſchweigender Größe der Säntis mit
ſeiner Sippe, — er kannte ſchon all' die einzelnen Häup⸗
ter bei ihren Namen und hieß ſie ſeine lieben Nachbarn;
5 vor ihm breitete ſich ein Gewimmel niedrigerer Berge
und Hügel aus, grünes üppiges Mattenland und dunkle
Wälder, ein Stück Rheintal glänzte herauf, von den Höhen
des Arlbergs und fernen Rätiſchen Alpen umſäumt, —
ein dunſtiger Streif Nebel deutete das Becken des Bo—
10 denſees an, das er umhüllte — alles war weit und groß
und ſchön.
Wer das Geheimnis erlauſcht hat, das auf luftiger
Berghöhe waltet und des Menſchen Herz weitet und
dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Ge—
15 danken, den faßt ein lächelnd Mitleid, wenn er derer ge—
denkt, die drunten in der Tiefe Ziegel und Sand zum
Bau neuer babyloniſcher Türme beiſchleppen, und er
ſtimmt ein in jenes rechtſchaffene Fauchzen, von dem die
Hirten ſagen, daß es vor Gott gelte wie ein Vaterunſer.
20 Die Sonne ſtund über dem Kronberg und neigte ſich
zum Untergang und ſprühte ein glühgolden Feuer an den
Himmel und ſchoß luſtig ihre Strahlen in den Nebel über
dem Bodenſee. Itzt riß die weiße Umhüllung, in leiſer
ahnungsvoller Bläue lag der Unterſee vor Ekkehards Blick;
25 ſein Auge ſchärfte ſich im Glanz des Abends, er ſah einen
verſchwindenden dunkeln Punkt, das war die Reichenau,
er ſah einen Berg, kaum hob er ſich am Himmelsgrund,
aber er kannte ihn — es war der hohe LTwiel. L
Und der Kuhreigen tönte ins Herdengeläut und wär-
z0o mer und wärmer färbte ſich alles auf der Alp, goldbraun-
grün leuchteten die Matten, leiſer Abglanz der Röte warf
ſich auf die grauen Kalkſteinwände des Kamor, da hub ſich
auch in Ekkehards Seele ein Leuchten und Glänzen, — die
Gedanken flogen hinüber ins ferne Hegau und weiter, es
35 war ihm, als ſäße er wieder bei Frau Hadwig auf dem
Hohenſtoffeln wie damals, als ſie des Hunnen Cappan
Hochzeit feierten, als käme Audifax mit Hadumoth aus
der Hunnennot heimgeritten, als ſäh' er das Glück in Ge—
Scheffel. II. 26


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