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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0407
406 Ekkehard.

nach welchem Geſetz er die Fäden ſeines Gedichtes in—
einanderwob, — es iſt auch nicht nötig, von allem das
Warum und VWeil zu wiſſen: der Wind wehet, wo er will,
und du höreſt ſein Getöſe, aber du weißt nicht, woher er
kommt und wohin er geht; ſo verhält es ſich auch mit
jedem, der im Geiſte geboren iſt- — ſagt das Evangelium
Johannis?2.

Und wenn es zwiſchenein wieder dunkelte vor den

Augen des Geiſtes und Zaͤgheit ihn beſchlich — denn er
war ängſtlich von Natur und vermeinte noch manchmal,
es ſei kaum möglich, etwas zuſtand zu bringen ohne Hilfe
von Büchern und gelahrtem Vorbild —, dann wandelte er
auf dem ſchmalen Fußſteig draußen auf und nieder und
ließ den Blick auf den Rieſenwänden ſeiner Berge haften,
die gaben ihm Troſt und Maß und er gedachte: „Bei allem,
was ich ſing' und dichte, will ich mich fragen, ob's dem
Säntis und Kamor drüben recht iſt.“ Und damit war er
auf der rechten Spur: wer von der alten Mutter Natur
ſeine Offenbarung ſchöpft, deſſen Dichtung iſt wahr und
echt, wenn auch die Leinweber und Steinklopfer und hoch⸗
verſtändigen Strohſpalter in den Liefen drunten ſie zehn—
tauſendmal für Hirngeſpinſt verſchreien.
Etliche Tage vergingen in emſigem Schaffen. In la—
teiniſchen Vers des Virgilius goß er die Geſtalten der
Sage, die Pfade deutſcher Mutterſprache deuchten ihm
noch zu rauh und zu wenig geebnet für den gleichmäßig
ſchreitenden Gang des Heldenliedes. Mehr und mehr be⸗-
völkerte ſich ſeine Einſamkeit; er gedachte in ununter—
brochenem Anlauf Tag und Nacht fort zu arbeiten, aber
der leibliche Menſch hat auch ſein Recht. Darum ſprach
er: „Wer arbeitet, ſoll ſein Tagwerk richten nach der
Sonne.“ Und wenn die Schatten des Abends auf die
nachbarlichen Höhen fielen, brach er ab, griff ſeine Harfe
und klomm durch die Höhlenwildnis zur Ebenalp hinauf.
Der Platz, wo der erſte Gedanke des Sangs in ihm auf⸗
geſtiegen, war ihm vor allen teuer.
Benedicta freute ſich, wie er zuerſt mit der Harfe kam.
„Ich verſteh' Euch, Bergbruder“, ſagte ſie, „weil Ihr keine



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