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408 Crtetatd.
alle hundert Fahr' auf kahlem Hang eine wunderſame
blaue Blume blühe, und wer die Blume hat, dem ſteht
plötzlich Ein- und Ausgang des Berges offen, drinnen
glänzt es mit hellem Schein und die Schätze der Tiefe
heben ſich zu ihm herauf, davon mag er greifen, ſo viel
ſein Herz begehrt, und ſeinen Hut bis zum Rande füllen.
Wenn ich die Blume finde, bring' ich ſie Euch, dann werdet
Ihr ein ſteinreicher Mann, ich kann ſie doch nicht brauchen“
— ſie ſchlang ihren Arm um den jungen Senn — „ich
hab' den Schatz ſchon gefunden.“
Aber Ekkehard ſprach: „Ich kann ſie auch nicht brau—
chen!“
Er hatte recht. Wem die Kunſt zu eigen ward, der
hat die echte blaue Blume: wo für andere Stein und Fels
ſich auftürmt, tut ſich ihm das weite Reich des Schönen
auf, dort liegen Schätze, die kein Roſt verzehrt, und er
iſt reicher als die Wechſler und Mäkler und Goldgewal—
tigen der Welt, wenn auch in ſeiner Taſche oftmals der
Pfennig mit dem Heller betrüblich Hochzeit feiert.
„Ja, was fangen wir dann mit der Wunderblume an?“
ſprach Benedicta.
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„Gib ſie den Ziegen zu freſſen oder dem großen Stier-
kalb“, lachte der Senn, „denen iſt auch was zu gönnen.“
Und wiederum hoben ſie die Füße zum Tanz und
ſchwangen ſich im Mondſchein, bis Benedictas Vater her-
aufgeſtiegen kam. Der hatte nach vollbrachtem Tage—
werk den ſeither von der Sonne gebleichten Schädel des
Bären über die niedere Tür ſeiner Sennhütte genagelt??s
und ihm mit einem Tropfſtein den Rachen aufgeſperrt,
daß Ziegen und Kühe ſcheu vor der neuen Wandverzie—
rung davonliefen.
„Ihr gumpet und ruguſet⸗ns ja, daß der Säntis zu
wanken und ſchüttern anhebt“, rief der alte Alpmeiſter
ſchon von weitem, „was iſt das für ein Gelärme?“ Gut—
mütig ſcheltend trieb er ſie in die Hütte.
Das Waltharilied ſchritt raſch vorwärts. Wenn das
Herz erfüllt iſt von Sang und Klang, hat die Hand ſich
zu ſputen, dem Flug der Gedanken nachzukommen.
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