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23. Auf der Ebenalp. 409
Eines Mittags wollte Ekkehard ſeinen ſchmalen Fels—
ſteig entlang wandeln: da kam ihm ein ſonderbarer Gaſt
entgegen. Es war die Bärin, die er aus dem Schnee ge—
graben, langſam ſtieg ſie den Pfad herauf, ſie trug etwas
5 in der Schnauze. Er ſprang zur Höhle zurück und griff
ſeinen Speer, aber die Bärin kam nicht als Feind, ach—
tungsvoll machte ſie Halt am Höhleneingang und legte
auf die vorſpringende Felskante ein fettes Murmeltier,
das ſie beim Spielen im ſonnigen Gras erſchnappt. War's
io ein Geſchenk für die Lebensrettung, war's Ausdruck ander-
weiter Anwandlungen, wer weiß es? Ekkehard hatte frei⸗—
lich mitgeholfen, die ſterblichen Reſte des Ehgemahls der
Verwitibten zu verzehren; — ob dadurch ein Stück Nei—
gung auf ihn übergelenkt werden konnte? — wir kennen
15 die Geſetze der Wahlverwandtſchaft zu wenig. Die Bärin
ſetzte ſich ſchüchtern vor der Höhle nieder und ſchaute un—⸗
beweglich hinein. Da ward Ekkehard gerührt, er ſchob ihr,
immer den Speer in der Fauſt, ein hölzern Schüſſelein
mit Honig in die Nähe, aber ſie ſchüttelte gekränkt das
20 Haupt, der Blick aus ihren kleinen Augen, denen das
Augenlid fehlte, war traurig erheiternd, ſo daß Ekkehard
ſeine Harfe von der Wand holte und anfing, den Reigen
zu ſpielen, den ſich Benedicta von ihm erbeten. Das labte
der Verlaſſenen Gemüt, ſie erhob ſich und ging aufrecht
25 in rhythmiſcher Grazie bald vorwärts, bald zurück, und
Ekkehard ſpielte ſchneller und ſtürmiſcher, aber da blickte
ſie verſchämt zur Erde; zu tanzen geſtattete ihr dreißig⸗
jähriges Bärengewiſſen nimmer, ſie ſtreckte ſich wieder
wie zuvor vor der Höhle, als wollte ſie das Lob verdienen,
30 das der Verfaſſer des Hymnus zu Ehren des heiligen Gall
einſt den Bären gezollt, da er ſie Tiere von bewunderns⸗
werter Beſcheidenheit nannte?“?.
„Wir paſſen zueinand“, rief Ekkehard, „du haſt dein
Liebſtes im Schnee verloren, ich im Sturm, — ich will
35 dir noch eines harfen.“ Er ſpielte eine wehmütige Weiſe,
des war ſie wohl zufrieden und brummte beifällig; er
aber, immer ſeiner Dichtung gedenkend, ſprach: „Ich hab
mich heut eine lange Zeit auf den Namen beſonnen für
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