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412 Ektehard.
Die ſollt' als Erbin einſt, dem Volk zu Nutz und Segen,
So Gott es fügen wollt', der alten Herrſchaft pflegen.
Derweil nun mit den Franken der Friede gefeſtigt war,
So rückt' auf Herrichs Grenzmark der Hunnen kampfliche
Schar.
Voraus mit flinkem Zügel lenkt' König Etzel ſein Roß,
Ihm folgt' im gleichen Schritte der Heeresfürſten Troß.
Von Roſſeshuf zerſtampft die Erde gab ſeufzenden Schall,
Die zage Luft durchtönte Schildklirren als Widerhall.
Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald,
Wie wenn die Frührotſonne auf tauige Wieſen ſtrahlt,
Und ſo ein Berg ſich türmte: er wurde überklommen,
Die Saone und die Rhone: es wurde durchgeſchwommen.
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Zu Chalons ſaß Fürſt Herrich, da rief der Wächter
vom Turm:
„Ich ſeh' von Staub eine Wolke, die Wolke kündet Sturm,
Feind iſt ins Land gebrochen, ihr Leute, ſeht euch vor,
Und wem ein Haus zu eigen, der ſchließe Tür und Tor!“
Der Franken Unterwerfung, dem Fürſten war ſie kund;
Er rief die Lehenträger und ſprach mit weiſem Mund:
„Die Franken, niemand zweifelt's, ſind tapfre Krieges—
leute,
Doch mochte keiner dort dem Hunnen ſtehn zum Streite,
Und wenn die alſo taten, da werden wir allein
Dem Tode uns zu opfern auch nicht die Narren ſein.
Ich hab' ein einzig Kind nur, doch für das Vaterland
Geb' ich es hin, es werde des Friedens Unterpfand.“
Da gingen die Geſandten, barhäuptig, ohne Schwert,
Den Hunnen zu entbieten, was Herrich ſie gelehrt.
Höflich empfing ſie Etzel, es war das ſo ſein Brauch,
Sprach: „Mehr als Krieg taugt Bündnis, das ſag' ich
ſelber auch,
Auch ich bin Mann des Friedens, nur wer ſich meiner Macht
Töricht entgegenſtemmt, dem wird der Garaus gemacht.
Drum eures Königs Bitte gewähret Etzel gern.“
Da gingen die Geſandten, es kündend ihrem Herrn. 0
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