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414 Ektehard.
Es ward mit Gottes Beiſtand auch die gefangene Maid
Der trutzigen Hunnenfürſtin ein' wahre Augenweid',
An Tugend reich und Züchten, ſo ward Hiltgund zuletzt 5.
Als Schaffnerin dem Schatze der Hofburg vorgeſetzt.
Und wenig fehlte nur, ſo war ſie in dem Reich
Die höchſte — was ſie wünſchte, erfüllt ward's allſogleich.
Derweil ſtarb König Gibich, ihm folgte Gunther ſein
Sohn,
Der brach das Hunnenbündnis und weigert den Zins mit
Hohn, 100
Die Kunde kam geflogen zu Hagen in der Fern',
Da nahm er nächtlich Reißaus und floh zu ſeinem Herrn.
Am Tag, da er verſchwunden, erfreute ſich nur wenig
Frau Ospirin und liſtig ſprach ſie zu Etzel dem König:
„O königliche Weisheit, habt Acht, habt ſcharfe Acht, 100
Daß unſres Reiches Säule zu Fall nicht werde gebracht,
Ich fürchte, auch Walthari, der Hunnen beſter Held,
Sucht wie der ſchlaue Hagen, ſein Freund, das weite Feld.
Ihr müßt ihn ſeßhaft machen, durch ſüße Bande und Haft,
Ihr müßt mit ſolchen Worten bereden Waltharis Kraft: ue
„Du trugſt in unſerm Dienſte viel Müh' und Fährlichkeit,
Drum merkk', wie dein Gebieter huldvollen Dank dir beut,
Der Hunnentöchter beſte ſollſt du zum Weib erkieſen
Und reich an Land und Ehren verdienter Ruh' genießen.
Und was du gehrſt an Gute, umſonſt nicht ſei dein Bitten,
Gewährt ſei volles Maß dir, du haſt es wohl erſtritten.““
Das Wort gefiel dem König, es deucht' ihm fein
und ſchlau,
Es weiß in derlei Dingen das Weiſeſte ſtets die Frau.
Der König jung Walthari mit ſolchem Rat empfing,
Doch deſſen Dichten auf ganz andre Dinge ging, 120
Er merkte, daß ihm Etzel die Wege wollt' verlegen,
Drum kam dem Prüfenden ablenkend er entgegen:
„O Fürſt, was ich getan, iſt großen Ruhmes ledig,
Daß Ihr ſo hoch es anſchlagt, iſt huldvoll zwar und gnädig,
Doch muß ein Weib ich wählen nach Eurem Machtgebot, 125
Werd' ich umſtrickt von Sorge und ſüßer Minne Not.
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