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24. Das Waltharllied. 417
Kein Späher weilt im Saale, nur wir zwei beid' allein,
Ich wüßt' ein ſüß Geheimnis, wollt'ſt du verſchwiegen
ſein.“
Da ſtürzte ihm zu Füßen Hiltgund und weint' und ſprach:
„Wohin du mich berufeſt, o Herr, ich folge dir nach.“
195 Er hob ſie auf mild tröſtend: „Ich bin der Fremde müd',
Ein ſüßes Heimatſehnen die Seele mir durchglüht,
Doch ohne Hiltgund nimmer ſteht mir zur Flucht mein Sinn,
So du zurückebliebeſt, des ſchöpft' ich Ungewinn.“
Da lacht' ſie in die Tränen: „O Herr, du ſprichſt mit Fug
200 Das Wort, das ich ſeit Fahren geheim im Buſen trug,
Gebiete denn die Flucht, mit dir will ich ſie wagen,
Durch Not und Fährlichkeit muß uns die Liebe tragen.“
Und weiter ſprach Walthari, doch flüſternd nur, nicht laut:
„Dieweil ſie dir zu hüten den Hunnenſchatz vertraut,
205 So ſtell' des Königs Helm mir und Waffenhemd zurück
Unrnd ſeinen Riemenpanzer, des Schmiedes Meiſterſtück.
Dann fülle du zwei Schreine mit Spangen und Gold zu
Hauf,
Daß du ſie kaum vom Boden zur Bruſt magſt heben auf,
Auch ſollt du mir beſchaffen vier Paare ſtarker Schuh',
210 — Der Weg wird lang — gleichviele richt' für dich ſelber zu;
Darüber magſt du weiter koſtbar Gefäß verpacken,
Beim Schmiede aber heiſche krummſpitze Angelhaken,
Du wirſt auf unſern Fahrten erſchauen deinen Geſellen,
Wegzehrung uns gewinnen mit Fiſchen und Vogelſtellen.
215 Dies all ſei vorbereitet heut über ſieben Tage,
Da ſitzt mit ſeinen Mannen der König beim Gelage
Und ſchlafen weinbewältigt ſie all' in trunkner Ruh'...
Glück auf! dann reiten wir dem Land im Weſten zu!“
Die Stunde kam des Schmauſes. Mit Tüchern man⸗
nigfalt
220 Verhänget war die Halle. Eintrat Herr Etzel bald,
Er ſetzte auf den Thron ſich, den Woll' und Purpur deckt,
Auf hundert Polſtern rings die Hunnen lagen geſtreckt.
Schier beugten ſich die Tiſche den Speiſen ſonder Zahl,
Viel ſüßer Labtrank dampfte im güldenen Pokal.
Scheffel. III.
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